Warum Fast Fashion doch keine Lösung ist

In letzter Zeit wirbt eine große Fast Fashion Kette mit einer Social Media Kampagne für billige Kleidung – und immer mehr kritische Blogger*innen nehmen dazu Stellung. Genau das möchte auch ich heute mit diesem Artikel tun – allerdings geht es hier nicht um die klassischen Argumente für Fair Fashion, sondern um einige Gegenargumente, die sich zwar hartnäckig halten, die ich persönlich allerdings für nicht weit genug gedacht halte und die ich deshalb entkräften möchte.

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Argument 1: „Was ist mit den Arbeitsplätzen?“

Fair Fashion Gegner*innen argumentieren oft, dass die Arbeitsbedingungen der Näher*innen schlechter sein könnten, diese auf den Lohn angewiesen sind und wir ihnen ja Arbeit geben, worüber diese eigentlich froh sein sollten. Ich finde, hier sieht man zum einen ganz klar, dass sich der Eine-Welt-Gedanke noch nicht genügend durchgesetzt hat: wir entlasten unser Gewissen damit, dass wir hier in der „ersten Welt“ ja eigentlich „die Guten“ sind, die „die Armen“ in der „dritten Welt“ an unserem wunderbaren kapitalistischen System *hust* teilhaben lassen. Dabei sein ist alles, und es ist quasi eine Großzügigkeit von uns, dass wir sie lassen – auch wenn wir dabei eine Menge Spielregeln missachten.

Darüber, dass die Näher*innen vermutlich eine besser bezahlte Arbeit hätten, würden wir nicht die lokale Wirtschaft in ihren Ländern crashen, indem wir tonnenweise gebrauchte (oder auch ungebrauchte und für hässlich befundene) Kleidung dorthin exportieren[1], denken wir allerdings nicht nach…

Argument 2: „Die Ablehnung von Fast Fashion ist Diskriminierung“

Ein weiteres Argument lautet oft, dass wir mit unserer Anti-Fast-Fashion-Haltung die Einkommensschwachen in westlichen Ländern diskriminieren, indem wir sie nicht an unserem buy-and-throw-System teilhaben lassen (okay, so formulieren es die Gegner*innen wohl nicht, aber im Prinzip geht es genau darum).
Damit wälzen wir aber ein Problem, das innerhalb unserer Gesellschaft entstanden ist – mangelnde Solidarität und ungerechte Verteilung von Kaufkraft – auf andere ab. Und wo wir schon von Kaufkraft reden: würden tatsächlich nur einkommensschwache Personen (also solche mit geringer Kaufkraft) bei H&M oder Primark einkaufen, würden diese Läden wohl kaum einen so hohen Umsatz erzielen, oder?

Und wenn man in der Stadt schaut, wer in diese Läden reingeht (und häufig gleich mit mehreren Tüten wieder rauskommt), sind es meistens junge Mädchen, die eins vergessen zu haben scheinen: die Tatsache, dass sich Anerkennung und Zuneigung nicht wirklich erkaufen lassen. Denn das Gegenteil wird uns auf Youtube & Social Media vorgegaukelt, wenn wir unter einem Outfitpost Kommentare wie „Du Hübsche 😍“ oder „Du hast so einen tollen Stil“ lesen. (Was nicht heißen soll, dass ich nicht auch gerne gut aussehen möchte, aber vorallem möchte ich eines: im Einklang mit meinen eigenen Werten leben, denn wer das tut, braucht meistens auch weniger Bestätigung… )

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Argument 3: „Je mehr wir kaufen, desto mehr verändert sich“

Oft wird uns außerdem suggeriert, wir müssten einfach nur die richtigen Produkte kaufen, um die Welt zu retten und besserere Menschen zu sein – „Du musst Dir also nur noch Dein C2C-zertifiziertes Kleidungsstück im Store oder online besorgen und kannst so Kleidung genießen, mit der Du nicht nur toll aussiehst, sondern Dich auch toll fühlen kannst“ steht zum Beispiel auf der Nachhaltigkeits-Seite von C&A[2]. Verteidiger*innen von Fast Fashion interpretieren solche Neuerungen bei den großen Ketten gerne positiv, indem sie sagen, wenn man dort ein wenig ändere, könne man mehr erreichen als durch einen Boykott.

Dass diese Form von Marketing – genannt Greenwashing – aber häufig erst dazu anregt, noch mehr zu kaufen, sollte man nicht vernachlässigen, denn auch für solch „nachhaltige“ Produkte werden Ressourcen ge- und verbraucht (dazu gleich mehr).

Shoppen ist in unserer heutigen Welt viel mehr als das bloße Erwerben eines Produktes: wir erkaufen uns dabei nicht nur – wie oben schon erwähnt – Anerkennung und Aufmerksamkeit, sondern oft auch ein gutes Gewissen, denn wir haben ja gerade eine Firma unterstützt, die mal Gastgeber eines „Fair Living Wage“-Gipfels war [3], deren Produkte „mit Achtung vor dem Menschen und der Umwelt“ [4] hergestellt wurden oder die beim Design das Recycling bereits mitbedenkt [5] – was auch immer das konkret heißen mag.

Das Problem bei günstiger oder minderqualitativer (also schnell kaputtgehnder) „Ökomode“: für dieses Produkt, das wir gekauft haben – ohne es wirklich zu brauchen – wurden Rohstoffe abgebaut, transportiert und verarbeitet. Selbst wenn diese nachwachsen, bedeutet das immer noch, dass wir mit dem Kauf gerade unseren ökologischen Fußabdruck vergrößert haben. Und je schneller die Produkte kaputtgehen, desto schneller werden wir auch etwas Neues kaufen. Der Ansatz der großen Ketten ist bislang einfach nicht so ganzheitlich wie der der meisten kleinen Fair Fashion Labels, die mit fair gehandelten, nachwachsenden und langlebigen Materialien arbeiten.

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Was wäre also meine lösung?

Ich bin keine Freundin von bloßer Kritik, die keine Lösungsansätze oder -ideen liefert. Aber zunächst muss ich die „schlechte Nachricht“ loswerden: wir können nicht in dem Maße, wie wir es heute tun, bis in alle Ewigkeiten weiter Klamotten kaufen – auch nicht, wenn wir auf Fair Fashion umsteigen oder die großen Ketten „grüner“ werden – denn bei wachsender Bevölkerung und sich immer schneller wandelnden Trends bekommen wir irgendwann Probleme mit unseren Ressourcen. Grüner Konsum ist also vor allem weniger Konsum.

Ich plädiere deshalb für weniger, aber dafür „besseren“ Konsum – und einen Wertewandel!

Wir alle müssen weniger, und dafür „bessere“ Produkte kaufen – damit weniger Rohstoffe ver(sch)wendet werden müssen und sich nachhaltige Produktionsmuster trotzdem durchsetzen können.

Und wir alle müssen daran arbeiten, dass unsere Gesellschaft eine gerechtere wird, in der die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter auseinandergeht. Wir müssen damit aufhören, die Lösungen für unsere Probleme outzusourcen.

Und nicht zuletzt müssen wir aufhören, uns Anerkennung erkaufen zu wollen und Personen nach ihrem Äußeren zu bewerten.

Dabei ist es am einfachsten, wenn wir bei uns selbst anfangen.

Schritt 1: Kaufanreize minimieren

Werbung abzulehnen ist dafür ganz wichtig. Egal, ob mit einem Sticker am Briefkasten, einem Eintrag in der Robinsonliste, dem Abbestellen von Katalogen und Newslettern oder dem Entfolgen von Unternehmen, die ständig mit Rabatten oder neuen Produkten um sich werfen. So verschwendest du auch weniger Zeit damit, deinen Posteingang zu kontrollieren, bist seltener dem Druck ausgesetzt, Trends mitzumachen oder „gut“ (im Sinne eines toxischen Schönheitsideals) aussehen zu müssen, und gewinnst mehr Zeit für die Dinge, die dir wirklich Spaß machen!

Schritt 2: bedachter konsumieren

Fang auch hier bei dir selbst an und frag dich vor jedem Kauf…

  • Kaufe ich das, um ein anderes Bedürfnis zu befriedigen, bzw. warum möchte ich das jetzt haben? Kaufe ich diesen Gegenstand vielleicht auch nur, weil er gerade günstig ist?
  • Habe ich schon etwas Ähnliches und brauche den Gegenstand vielleicht gar nicht wirklich?
  • Und, meiner Meinung nach besonders wichtig: Kann ich die Verantwortung für Reinigung/Instandhaltung und Entsorgung tragen?

Wenn es dir auf diese Weise gelingt, weniger zu kaufen, wirst du außerdem mehr Geld zur Verfügung haben, was du entweder in wirklich langlebige Produkte, oder aber in die Bekämpfung sozialer Ungleichheit investieren könntest.

Schritt 3: Sharing is caring

… und zwar im doppelten Sinne: zum einen kannst du auf Social Media auf die Problematik von Fast Fashion aufmerksam machen, indem du einen Beitrag zu dem Thema postest und ihn mit #iwouldneverworkwithprimark und #consciousbloggercollective versiehst. Außerdem ist es gerade auf Plattformen wie Instagram wichtig, Schönheitsideale und die Geschwindigkeit, mit der ein Trend den nächsten jagd, zu hinterfragen: auch einzelne kritische Kommentare oder Nachrichten können Druck ausüben, denn mit der Zeit werden sie sich summieren.

Außerdem kannst du – statt dir neue Teile zu kaufen – auch Dinge leihen, zum Beispiel von Freund*innen oder Arbeitskolleg*innen. So kannst du deinen Spaß am Zusammenstellen neuer Outfits behalten, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen oder Ressourcen im Übermaß zu verbrauchen. Wenn es auch ein bisschen was kosten darf, sind vielleicht auch die „Kapseln“ von Fairnica eine gute Option: für ein, zwei oder drei Monate kannst du dir dort ausgefallene Fair Fashion Teile mieten, die dir dann per Post zugeschickt werden und die du nach Ende des Mietzeitraums einfach wieder zurückschicken kannst.

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Quellen

[1] Film „The True Cost“ – darin wird dieser Zusammenhang auch nochmal ausführlicher erklärt

[2] C&A

[3] H&M

[4] Primark

[5] C&A

2 thoughts on “Warum Fast Fashion doch keine Lösung ist

  1. Ich finde es echt gut, dass du da auch Lösungsansätze aufzeigst! 😊 Ich bin zwar kein großer Fan vom Ausleihen, aber ich brauche eh nicht ständig neue Kombinationsmöglichkeiten, solange ich mich in den Klamotten, die ich besitze gut fühle 😅😬

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