Warum Fast Fashion doch keine Lösung ist

In letzter Zeit wirbt eine große Fast Fashion Kette mit einer Social Media Kampagne für billige Kleidung – und immer mehr kritische Blogger*innen nehmen dazu Stellung. Genau das möchte auch ich heute mit diesem Artikel tun. Allerdings geht es hier nicht um die klassischen Argumente für Fair Fashion, sondern um einige Gegenargumente, die sich zwar hartnäckig halten, die ich persönlich allerdings für nicht weit genug gedacht halte und die ich deshalb entkräften möchte.

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Argument 1: „Was ist mit den Arbeitsplätzen?“

Erstens ist es wahrscheinlich, dass die Näher*innen, über die wir hier sprechen, eine besser bezahlte Arbeit hätten, würden wir nicht die lokale Textilwirtschaft im globalen Süden crashen, indem wir tonnenweise (un-)gebrauchte Kleidung aus unseren Altkleidercontainern dorthin exportieren [1].

Zweitens würden durch eine steigende Nachfrage nach fairer Mode Arbeitsplätze an anderer Stelle geschaffen, sodass den Näher*innen keine Massenarbeitslosigkeit drohen würde, sobald wir uns von den Textilriesen abwenden und im kleinen Fair Fashion Store kaufen. Denn durch höhere Löhne pro Stück lassen sich auch bei geringerer Produktionsmenge viele Arbeitsplätze schaffen.

Hier ein kurzes Rechenbeispiel, gestützt auf eine Angabe der Kampagne für saubere Kleidung: An einem Shirt, das für 19€ verkauft wird, verdient eine Näherin im Fast Fashion Bereich 10 Cent – im Fair Fashion Sektor hingegen 1,52€ [2]. Sagen wir, sie näht pro Tag 60 Stück: Dann wäre sie bei 6,00€ bzw. 91,20€. Läge der Existenzlohn doppelt so hoch wie der bisherige Lohn der Näherin (z.B. bei 12€ statt 6€ pro Tag), müsste sie trotzdem ca. sieben Mal weniger Shirts nähen als bisher (91,20:7,6=12).

Argument 2: „Die Löhne erscheinen zwar niedrig, sind aber fair, weil die Lebenshaltungskosten im globalen Süden deutlich geringer sind“

Das stimmt leider nicht (immer). Der Lohn in einer Textilfabrik in Bangladesch beispielsweise liegt zwischen 30 und 60 Euro pro Monat [3]. Das klingt erschreckend wenig, allerdings sind die Lebenshaltungskosten in Bangladesh nicht vergleichbar mit denen hier in Deutschland, könnte man nun dagegen halten. Und trotzdem: Der Existenzlohn, um dort eine vierköpfige Familie zu ernähren, müsste bei etwa 250 Euro liegen [4] – das schaffen noch nicht mal zwei erwerbstätige Erwachsene zusammen.

Argument 3: „Die Ablehnung von Fast Fashion ist Diskriminierung“

Ein weiteres Argument lautet, dass wir mit unserer Anti-Fast-Fashion-Haltung die Einkommensschwachen in westlichen Ländern diskriminieren, indem wir sie – überspitzt gesagt – nicht an unserem buy-and-throw-System teilhaben lassen.

Damit wälzen wir ein Problem unserer Gesellschaft – mangelnde Solidarität und ungerechte Verteilung von Kaufkraft – einfach auf andere ab. Drastisch formuliert: Wir stellen unseren Wunsch nach einer Diskriminierungsfreien Gesellschaft über das Recht anderer Personen auf körperliche Unversehrtheit. Und wo wir schon von Kaufkraft reden: würden tatsächlich nur einkommensschwache Personen (also solche mit geringer Kaufkraft) bei H&M oder Primark einkaufen, würden diese Läden wohl kaum einen so hohen Umsatz erzielen, oder…?

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Argument 4: „Das Label produziert in Europa, es muss also fair sein“

Im November 2017 hat die Kampagne für saubere Kleidung den Report „Europas Sweatshops“ veröffentlicht, der die prekäre Situation von Angsetellten in der europäischen Textilindustrie verdeutlicht. In einer Grafik auf der Website erkennt man zum Beispiel, dass in Osteuropa der gesetzliche Mindestlohn bei 10 bis 40% des Existenzlohns – und damit zu niedrig – liegt. „Viele Näherinnen in der Ukraine verdienen trotz Überstunden nur den Nettomindestlohn von 89 Euro im Monat. Ein existenzsichernder Lohn, von dem eine Familie leben kann, müsste mit 438 Euro fünfmal höher sein. Die Hauptauftraggeber der Schuh- und Modefabriken sind große Modekonzerne wie Benetton, ESPRIT, GEOX, Triumph und Vero Moda“ [5].

Noch immer hat sich nicht viel verändert, im Gegenteil – die Corona-Pandemie hat vieles verschlimmert: Für den Bericht „Ausbeutung Made in Europe“, der im April 2020 von der Kampagne für saubere Kleidung zusammen mit Brot für die Welt veröffentlicht wurde, wurden Lieferanten in Serbien, der Ukraine, Kroatien und Bulgarien untersucht. Demzufolge verdiente keine Näherin bei den untersuchten Lieferanten deutscher Modemarken über der EU-Armutsschwelle [6]. Die Befragten, die bei einem Lieferanten von Esprit und Gerry Weber in der Ukraine arbeiteten, berichteten u.a. von unbezahltem, erzwungenem Urlaub, während dem sie arbeiten mussten. Ich denke, es wird deutlich, dass made in Europe nicht gleich fair bedeutet.

Argument 5: „Je mehr wir kaufen, desto mehr verändert sich“

Oft wird uns suggeriert, wir müssten einfach nur die richtigen Produkte kaufen, um die Welt zu retten und besserere Menschen zu sein: „Du musst Dir also nur noch Dein C2C-zertifiziertes Kleidungsstück im Store oder online besorgen und kannst so Kleidung genießen, mit der Du nicht nur toll aussiehst, sondern Dich auch toll fühlen kannst“ steht zum Beispiel auf der Internetseite von C&A [7]. Verteidiger*innen von Fast Fashion interpretieren solche Neuerungen bei den großen Ketten gerne positiv, indem sie sagen, wenn man dort ein wenig ändere, könne man mehr erreichen als durch einen Boykott.
Dass diese Form von Marketing aber häufig erst dazu anregt, noch mehr zu kaufen, sollte man nicht vernachlässigen, denn auch für solch „nachhaltige“ Produkte werden Ressourcen ge- und verbraucht (dazu gleich mehr).

Shoppen ist in unserer heutigen Welt viel mehr als das bloße Erwerben eines Produktes: wir erkaufen uns dabei nicht nur einen bestimmten Look, sondern oft auch ein gutes Gewissen, denn wir haben ja gerade eine Firma unterstützt, die mal Gastgeber eines „Fair Living Wage“-Gipfels war [8], die die Fabriken, mit denen sie zusammenarbeitet, werden streng auswählt [9] oder die beim Design das Recycling bereits mitbedenkt [10] – was auch immer das konkret heißen mag.

Und auch, wenn auf einem Shirt steht „100% Bio-Baumwolle“ (was prinzipiell begrüßenswert ist), kann so ein Shirt vom Textilriesen mit umweltschädlichen Farbstoffen, Lösungsmitteln und Schwermetallen behandelt sein. Solange kein GOTS- oder IVN-Zertifikat an dem Produkt hängt, kann man davon ausgehen, dass der Einsatz nachhaltiger Materialien hauptsächlich dem Reinwaschen des Images dient.

Ein weiteres Problem bei günstiger oder minderqualitativer (also schnell kaputtgehender) „nachhaltiger“ Mode: für dieses Produkt, das wir gekauft haben – häufig, ohne es wirklich zu brauchen, wie der Greenpeace „Faktencheck Konsum“ nahelegt – wurden Rohstoffe abgebaut, transportiert und verarbeitet. Selbst wenn diese nachwachsen, bedeutet das immer noch, dass wir mit dem Kauf gerade unseren ökologischen Fußabdruck vergrößert haben. Und je schneller die Produkte kaputtgehen, desto schneller werden wir auch etwas Neues kaufen. Der Ansatz der großen Ketten ist bislang einfach nicht so ganzheitlich wie der der meisten kleinen Fair Fashion Labels, die mit fair gehandelten, nachwachsenden und langlebigen Materialien arbeiten.

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Was wäre also meine Lösung?

Zunächst muss ich hier eine „schlechte Nachricht“ loswerden: wir können nicht in dem Maße, wie wir es heute tun, weiter Klamotten kaufen – auch nicht, wenn wir auf Fair Fashion umsteigen oder die großen Ketten „grüner“ werden. Denn bei wachsender Bevölkerung und sich immer schneller wandelnden Trends bekommen wir irgendwann Probleme mit unseren Ressourcen. Grüner Konsum ist also vor allem weniger Konsum.

Ich plädiere deshalb für weniger, aber dafür „besseren“ Konsum – und einen Wertewandel!

Wir alle müssen weniger, und dafür ethisch und ökologisch korrektere Produkte kaufen – damit weniger Rohstoffe ver(sch)wendet werden müssen und sich nachhaltige Produktionsmuster trotzdem durchsetzen können. Eine andere Option ist das Leihen (z.B. bei „Fairnica“ oder der „Kleiderei“), Tauschen oder Weiterverkaufen. Altkleidercontainer als Entsorgungslösung sind hingegen kritisch zu betrachten.

Außerdem müssen wir hier daran arbeiten, dass unsere Gesellschaft eine gerechtere wird, in der die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter auseinandergeht. Wir müssen damit aufhören, die Lösungen für unsere Probleme out-zu-sourcen.

Und nicht zuletzt müssen wir aufhören, uns Anerkennung erkaufen zu wollen und Personen nach ihrem Äußeren zu bewerten.

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Quellen

[1] Doku „the true cost“

[2] Fast Fashion Dossier Teil 3, hier herunterzuladen

[3] + [4] G. Burckhardt (2015): Todschick. Wilhelm Heyne Verlag, zitiert nach Umweltinstitut München

[5] Kampagne für saubere Kleidung

[6] Bericht „Ausbeutung Made in Europe“, hier herunterzuladen

[7] C&A

[8] H&M

[9] Primark

[10] C&A

2 thoughts on “Warum Fast Fashion doch keine Lösung ist

  1. Ich finde es echt gut, dass du da auch Lösungsansätze aufzeigst! 😊 Ich bin zwar kein großer Fan vom Ausleihen, aber ich brauche eh nicht ständig neue Kombinationsmöglichkeiten, solange ich mich in den Klamotten, die ich besitze gut fühle 😅😬

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