Zero Waste und Feminismus – (wie) passt das zusammen?

Letzte Woche habe ich mir und euch bereits auf Instagram die Frage gestellt, ob ich mit dem Hochladen von Fotos, die mein selbstgemachtes Deo oder meinen letzten Einkauf im Unverpacktladen zeigen, möglicherweise einem jungen, weiblichen Publikum ein rückständiges Frauenbild vermitteln könnte. Daraus resultiert natürlich auch die Frage, ob Zero Waste und Feminismus überhaupt zueinander passen. Beide haben mich nicht losgelassen und deshalb möchte ich heute meine Gedanken dazu in einem ausführlicheren Artikel hier auf dem Blog mit euch teilen!

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Analoge Welt

Den Anstoß zu diesem Blogpost lieferte der Artikel „The complicated gender politics of Zero Waste“, den ihr – wenn euch das Thema interessiert – hier auch in voller Länge lesen könnt. Der Haupt-Kritikpunkt, der in diesem Artikel gebracht wird, ist, dass Zero Waste dazu führen könnte, dass Frauen noch mehr Hausarbeit leisten als Männer, da das Einkaufen häufig in ihren Zuständigkeitsbereich fiele und Zero Waste eben zeitaufwendiger sei. Tatsächlich leisten Frauen im Schnitt in Deutschland immer noch deutlich mehr „Care-Arbeit“: 4 Stunden und 29 Minuten sind es pro Tag, bei Männern sind es hingegen nur 2 Stunden und 44 Minuten [1]. Der oben erwähnte Artikel verweist diesbezüglich auch auf einen weiteren Artikel, der die sogenannte „zweite Schicht“ unter die Lupe nimmt. Darin wird die unentgeltliche Arbeitszeit von Müttern und Vätern verglichen. Diesem Artikel zufolge wenden Frauen in Familien, in denen beide Elternteile Vollzeit arbeiten, täglich 0,69 Stunden mehr bei der Hausarbeit und 0,41 Stunden mehr bei der Kinderbetreuung auf. Zusammengerechnet sind das 1,1 Stunden. Allerdings arbeiten Väter im Durchschnitt 0,81 Stunden länger in der sogenannten ersten – also vergüteten – Schicht, womit Frauen unterm Strich nur 0,28 Stunden pro Tag länger arbeiten (immerhin 102 Stunden pro Jahr).

Das Risiko, dass Zero Waste dazu beiträgt, dass sich diese Differenz weiter vergrößert, sehe ich zwar auch. Aber – wie eine meiner Leserinnen angemerkt hat: Das Übel wurzelt hier nicht im Mehraufwand, der durch Zero Waste entsteht. Ein weiteres Argument: Zero Waste kann man auch als Hobby ansehen, bei dem die Grenzen zur Hausarbeit fließend sind und der Mehraufwand nicht als Belastung empfunden wird – denn am Ende geht es vielleicht doch mehr um das eigene Gefühl als um irgendwelche Statistiken, oder?

Wer nun immernoch denkt, Feminismus wolle Frauen vorschreiben, sie sollten keine Hausfrauen sein, hat ihn meiner Meinung nach falsch verstanden. Es geht darum, zu sein, wer oder was auch immer man will – aber zu erkennen, was man höchst-selbst will und wollte und welchen Einfluss Erziehung, Sozialisation, Werbung und dadurch internalisierte Rollenbilder darauf haben und hatten, kann ganz schön schwierig sein. Ich denke, in ihren Entscheidungen werden junge Frauen und junge Menschen im Allgemeinen heutzutage stark durch Medien beeinflusst. Es ist folglich auch wichtig, eine kritische Einstellung gegenüber Algorithmen zu haben, denn gerade auf Social Media gerät man schnell in sogenannte „Filter Bubbles“ – womit wir beim nächsten Punkt wären.

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Digitale Welt

Die User-Sicht

Fun Fact: den anfangs erwähnten Artikel habe ich entdeckt, da ihn ausgerechnet einer der wenigen männlichen Zero Waste Blogger, die ich kenne – Tidy Guy – kürzlich auf Instagram geteilt hat. Und damit wären wir auch schon mitten im Thema: Instagram scheint voll zu sein von weiblichen, mitte-zwanzigjährigen Influencerinnen, die sich dem Thema Zero Waste widmen. Häufig hört man von diesen auch, dass sie versuchen, ihren Freund oder Mann für das Einkaufen im Unverpacktladen zu begeistern – meistens mit wenig Erfolg. Doch ist Zero Waste wirklich ein „Frauenthema“? Angesichts der Tatsache, dass meiner Beobachtung bzw. Schätzung nach auch ein großer Teil der Besucher im Unverpacktladen bei mir um die Ecke männlich ist, würde ich sagen: nicht wirklich. Woran liegt es also, dass das Thema im Web so weiblich dominiert zu sein scheint?

Die einfachste Antwort wäre: es entscheiden sich einfach mehr Frauen dazu, darüber zu bloggen, was aber keinen besonderen Grund hat – Punkt. Eine andere Antwort ist: Algorithmen diskriminieren und können sogar „sexistisch“ sein. Das detailliert zu erklären, würde hier wohl den Rahmen sprengen, weshalb ich euch die Lektüre eines Artikels der Fashion Changers ans Herz legen möchte, der sich mit dem Thema auseinandersetzt. Auch im Rahmen einer Studie im Auftrag der Film- und Medienstiftung NRW berichten Influencerinnen, dass eine eigene Meinung den finanziellen Wert im Web schmälern könne, was aber auch im Zusammenhang mit den Erwartungen der Follower*innen stünde [2]. Daher ist es für Frauen, die mit ihrem Blog Geld verdienen wollen, vermutlich attraktiver, sich auf Themen wie Mode, Kosmetik oder Food, statt auf Politik oder Gesellschaft zu spezialisieren. Und da das Besetzen von Nischen oft erfolgreicher ist, als sich ganz allgemein der Kategorie „Lifestyle“ zu verschreiben, ist Zero Waste für Bloggerinnen ein sehr attraktives Thema. Diese zweite Antwort geht Hand in Hand mit einer dritten, die ich oben schon kurz angerissen habe: ich befinde mich in einer Filter Bubble. Filter Bubbles – oder auch Filterblasen – entstehen, wenn Suchmaschinen oder andere Dienste versuchen, vorherzusagen, welche Informationen ich finden möchte, um mir ein für mich zufriedenstellendes (Such-)Ergebnis zu liefern. Diese Voraussagen basieren auf den verfügbaren Informationen über mich als Benutzerin. So kann eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht meinem (vermeintlichen) Standpunkt oder Weltbild entsprechen, entstehen. Geht der Instagram- oder Google-Algorithmus also davon aus, dass ich Content von Bloggerinnen bevorzuge, weil ich schon immer viele Blogs lese, hinter denen Frauen stecken, ist es wahrscheinlich, dass er mir auch zum Thema Zero Waste mehr Content vorschlägt, der von Frauen geschaffen wurde. So könnte bei mir der Eindruck entstehen, dass Themen, die mir wichtig sind – wie eben Umweltschutz – stark weiblich besetzt sind und Männer sich dafür kaum interessieren oder engagieren.

Die Blogger-Sicht

Für mich ist aber auch noch eine andere Perspektive wichtig, da ich als Bloggerin irgendwo eine Vorbild-Funktion habe. Deshalb stellt sich mir die Frage: Was macht es mit meinen Leserinnen, wenn ich ständig Bilder von perfekt-müllfreien Einkäufen teile? Eine ähnliche Frage hat Juli Zeh mal im Kontext von Frauenmagazinen beantwortet: „Das politische System, in dem wir leben, stützt sich auf die Idee von Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit seiner Bürger. Ein solches System kann nicht mehr tun, als – solange es einem freiheitlichen Gedanken folgt – möglichst breite Chancen für möglichst breite Teile der Bevölkerung zu eröffnen.“ [3]. Damit möchte Zeh sagen, dass niemand einen zwingt, Frauenmagazine zu lesen, welche möglicherweise ein veraltetes Frauenbild vermitteln. Übertragen auf meine Fragestellung bedeutet das: niemand zwingt euch, meinen Blog zu lesen oder Influencerinnen zu folgen, die über das müllfreie Leben berichten.

Aber gilt die letzte Passage des Zitats – Chancen eröffnen – tatsächlich auch fürs Internet? Ja und nein. Einerseits hat dort jede*r die Chance, seine*ihre Meinung kundzutun und Inhalte zu veröffentlichen. Auf der anderen Seite steht wieder die Frage von vorhin im Raum, ob und wie stark Algorithmen diskriminieren. Anders gefragt: haben Männer es möglicherweise schwerer, sich im Web Themen wie Umweltschutz – und damit zusammenhängend – Haushalt und Food zu erschließen?

Schlussendlich würde ich auch hier behaupten, dass mein Content nicht die Wurzel allen Übels ist, sondern die Chancenungleichheit im Netz. Um noch einmal aus dem Essay von Juli Zeh zu zitieren: „Wollen wir wirklich erwarten, dass ein starker Wirtschaftszweig in freiwilliger Selbstbeschränkung Verantwortung für mögliche soziale Auswirkungen seiner werbewirksamen Geschlechterbilder übernimmt?“.

Zur Erweiterung eurer Social-Media-Bubbles möchte ich euch zum Schluss noch einen Artikel von the OGNC empfehlen, in dem ihr eine Liste männlicher Influencer findet, die sich den Themen Zero Waste und Minimalismus widmen.

Fazit

Als Feministin kann ich sein, wer und was ich will. Hausfrau oder auch nicht, Zero Wasterin oder nicht. Wichtig ist nur, zu hinterfragen, ob dies wirklich meine Entscheidungen sind, woher sie kommen und wovon sie beeinflusst wurden (das beinhaltet auch das Hinterfragen der Korrektheit des gesellschaftlichen Abbilds, das Suchmaschinen und Social Media-Algorithmen uns liefern). Denn wie Margarete Stokowski es so schön formuliert: „Alles ist schöner, wenn es freiwillig ist und bewusst selbst gewählt – und dazu muss man die Alternativen erstmal kennen“.

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Quellen

[1] SWR Aktuell: Frauen arbeiten deutlich häufiger unbezahlt

[2] Linke/Wegener/Prommer/Hannemann (2018): Zur Sichtbarkeit von Gender in Youtube

[3] Zeit.de: „Lieber Wellness als Karriere? Dann lassen wir sie doch“

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