Wenn Großkonzerne Bio-Linien auf den Markt bringen

Unterstützen oder boykottieren?

Eine Frage, die ich mir  sowohl als Konsumentin als auch als Bloggerin immer wieder stelle, ist, ob ich Großkonzerne mit meinem Geld oder meiner Arbeitskraft unterstützen sollte, sprich: Ob es sich mit meinen Prinzipien vereinbaren lässt, dass ich Produkte solcher Firmen kaufe oder Werbung für solche Firmen mache. Wenn euch diese Frage auch interessiert, dann wird dieser Artikel euch sicherlich ein paar Denkanstöße liefern…

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Was für’s Einkaufen im lokalen Einzelhandel spricht – und was dagegen

Laut dem Film Tomorrow hat jeder Dollar bzw. Euro, den man in ortsansässigen Geschäften ausgibt, zwei- bis viermal mehr Auswirkung auf Arbeitsmarkt, Einkommen und Wohlstand. Das heißt, Geld, das man im lokalen Einzelhandel ausgibt, ist bis zu viermal effektiver bzw. nachhaltiger eingesetzt. Außerdem stärkt es indirekt die Demokratie, da Großkonzerne so weniger Geld für Lobbyarbeit zur Verfügung haben [1].

Auch die Aktion „Heimat Shoppen“ macht die Vorteile des lokalen Einkaufens aufmerksam: „Jeder Euro, den Sie innerhalb der Gemeindegrenzen ausgeben, nutzt Ihrer Heimat, denn Einzelhändler und Gastronomen zahlen Gewerbesteuer. Diese Steuer ist die wichtigste Einnahmequelle der Kommunen“ [2]. Und diese finanzieren wiederum Schulen, Kitaplätze und Infrastruktur (mit).

Das spricht natürlich absolut dafür, lokale, kleine Unternehmen zu unterstützen! Außerdem haben deren Eigentümer*innen – zumindest unterstelle ich ihnen das – oft auch die Absicht, wirklich etwas zu bewegen und die Welt ein bisschen besser zu machen; sie handeln scheinbar altruistisch, nicht profitorientiert.

Und an dieser Stelle offenbart sich schon das erste Problem: Man kann nie mit Sicherheit sagen, ob Unternehmen „wirklich“ was ändern wollen bzw. aus welchem Grund sie nun ein neues, umweltfreundlicheres Produkt auf den Markt bringen. Ob die Produktenwicklerin eines riesigen Beautyherstellers gerade ihre ökologische Seite entdeckt hat oder die Chefin der Marketingabteilung eines Großkonzerns einfach nur rausgefunden hat, wie man noch mehr Kohle machen kann. Und selbst dann: Streben nicht die meisten von uns nach Profit?! Ist das nicht auch eine Art Selbsterhaltungstrieb, und kann das verwerflich sein?

Was ich mich aber in solchen Situationen auch immer wieder frage: Wenn beispielsweise große Modeketten nachhaltige Kollektionen auf den Markt bringen, um dem Planeten etwas Gutes zu tun, warum verbrennen sie dann tonnenweise neue Ware [3]? Und: Warum ändern Konzerne nicht die Formulierung bereits vorhandener Produkte, ersetzen die konventionelle Baumwolle durch zertifizierte Bio-Baumwolle und das Palmöl in ihrer Gesichtscreme oder im Nussnougataufstrich zumindest durch fair gehandeltes Palmöl? Stellen so nach und nach ihr Sortiment um? Vermutlich, weil es mehr Aufsehen erregt, eine komplett neue Produktlinie zu launchen, mit der dann gleich das Image des gesamten Konzerns aufpolieret wird.

Aber: als Einstieg sind sie vielleicht trotzdem gut, diese neuen Bio-Linien. Und zwar dann, wenn eine langjährige Kundin genau dadurch auf Naturkosmetik aufmerksam wird, dass ihr Lieblings-Großkonzern diese nun auf den Markt bringt. Sie findet die Lösung quasi in ihrer eigenen Comfort Zone. Nur an dieser Stelle darf es nicht aufhören. Denn mit dem Kauf eines Naturkosmetikprodukts rettet man eben nicht die Welt.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir zu den besseren Alternativen greifen – und zwar alle. Daher finde ich auch den Punkt, dass Produkte großer Firmen und Discounter- oder Drogerie-Eigenmarken oft günstiger und damit nicht nur was für Leute aus der oberen Mittelschicht sind, erwähnenswert. Oft sind sie es aber auch nicht: Man schaue sich die Preise der Haferdrinks von Alpro und die Pfleglinie von Garnier Bio an.

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Und wie steht es nun um die Blogger*innen?! Brauchen die nicht auch das Geld?

Gerade unter den Greenblogger*innen haben offenbar viele einen Nebenjob, um nicht auf solche großen Kooperationspartner angewiesen zu sein. Einige haben das nicht, andere haben vielleicht mal einen Monat lang höhere Ausgaben. Ich finde Kooperationen mit großen Unternehmen allein deshalb nicht prinzipiell verwerflich.

Entscheidend ist an der Stelle meiner Meinung nach das wie: Denn so oft kommt es vor, dass Blogger*innen das Unternehmen verteidigen, mit dem sie kooperieren, (scheinbar) nur um die eigene Kooperation zu rechtfertigen. Was irgendwie aber auch nötig ist, wenn man erneut mit der Firma zusammenarbeiten will. Kritisch bleiben ist manchmal also ganz schön schwer – aber muss man ein Produkt, das man umsonst bekommen hat, bis in den Himmel loben, oder gibt es vielleicht auch einen Mittelweg?! Kann man nicht die Verpackungsmaterialien hinterfragen und trotzdem das Produkt bewerben, indem man hervorhebt, dass einem beispielsweise die Wahl der Inhaltsstoffe gefällt?

Eine andere Frage ist, ob es überhaupt nötig oder förderlich ist, als Greenblogger*in Produkte zu bewerben – oder ob man damit nicht auch nur unnötigen Konsum anheizt. In einem Interview in der Brigitte Be Green antwortete DariaDaria auf eine ähnliche Frage: „Natürlich wäre es schön, eine antikapitalistische Antwort auf die Klimakrise zu haben. Andererseits könnten wir den Kapitalismus nutzen und ihn als Teil der Lösung sehen. Es ist ja prinzipiell nichts falsch daran, Geld zu verdienen, es kommt nur darauf an, wem dieses Geld dient“ [4]. Von sämtlichen Ökoblogger*innen, die den Kapitalismus kritisieren, zu verlangen, „Aussteiger*innen“ zu werden, wäre wohl auch sehr radikal. Oder, wie Mia es in einem Artikel für die Fashionchangers formuliert hat: „Man kann Teil des Systems sein und trotzdem das System kritisieren“ [5].

Es sollte beim Bloggen ja auch nicht nur darum gehen, einen Algorithmus zu füttern und möglichst viele PR-Samples abzustauben, sondern auf Themen aufmerksam zu machen, die einem wichtig sind, und zum Denken anzuregen. So sehe ich das zumindest.

Und wenn jemand das professionell, also beruflich macht, dann funktioniert es nicht ohne finanzielle Unterstützung. Es ist – wie ich finde – absolut verständlich, dass man etwas wiederhaben will, wenn man so viel Zeit in Recherchen, Design und Fotoshootings steckt. Und an dieser Stelle möchte ich an alle Leser*innen grüner Blogs appellieren: Wenn ihr uns bei unserer „Mission“ helfen und stärken wollt, wäre es wunderbar, wenn ihr uns nicht nur mit euren Likes und Kommentaren, sondern auch finanziell unterstützen würdet. Denn so können wir unabhängiger bleiben.

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Quellen

[1] Tomorrow – der Film

[2] Heimat Shoppen: Sechs gute Gründe

[3] Utopia: Dokumentation enthüllt: H&M verbrennt tonnenweise neue Kleidung

[4] Brigitte Be Green 01/2019, S.56

[5] Fashionchangers: Ökos Only! Wie perfekt müssen Klimaaktivist*innen sein?

2 thoughts on “Wenn Großkonzerne Bio-Linien auf den Markt bringen

  1. Sehr interessanter Artikel und ein heißes Eisen. Da gibt es viele Meinungen und oft Streit. Ich finde man muss bei jeder Kooperation abwägen wie man handelt. Ich persönlich kaufe lieber von Firmen die es zu 100% ernst meinen, wobei man auch nie sicher sein kann, dass man nicht dem Greenwashing auf den Leim gegangen ist.

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