Warum ich lieber keine Influencerin sein möchte

Infuencerin – das ist dieses nicht mehr ganz so fancy Wort, das in Mails steht, in denen eine PR-Agentur einen für ihre nächste Kampagne mit Firma xy gewinnen möchte. Man erhält dann ein paar Tage später per Post ein Gratisprodukt – und das wichtigste: eine Mail mit einem Rabattcode für die Community – im Gegenzug für drei bis fünf Stunden Aufwand und ein paar Bildlizenzen. Ab und zu gibt es auch ein kleines Honorar, am liebsten auf Provisionsbasis.

warum ich keine influencerin mehr sein möchte

Man selbst als Person ist dabei unglaublich wichtig: Die Personality bestimmt über den Erfolg der Kampagne (man denke an den #nopersonality, der sich GNTM-Kandidatin Sarah bezog und offenbarte, dass es inzwischen auch für Models essentiell ist, eine „Message“ zu haben). Es geht ja darum, etwas zu verkaufen, und das tut man selten mit Fakten. Mal ganz davon abgesehen, dass wir uns die Welt nicht grün konsumieren können: Ums Verkaufen geht es auch im Rest aller Texte und Postings als so-called Influencerin. Man bringt seine Meinung an den Mann bzw. die Frau, verkauft Ideen, Inspiration, Verständnis, Motivation. Und: Vereinfachungen.

Botschaften, die in eine Instagram-Caption gepresst werden, sind dabei – allein schon mangels Zeit und Platz – oft schon mehreren Vereinfachungen unterzogen worden (häufig findet man dort wahlweise  1:1 übernommene Formulierungen aus irgendwelchen Briefings oder Inhalte aus irgendeinem frei zugänglichen Artikel eines Online-Mediums, das sich ebenfalls durch Werbung finanziert). Auf die Fakten kommt es, wie oben bereits angedeutet, gar nicht so sehr an – vielmehr hingegen auf das Storytelling. Jemand, der sich zum ersten Mal mit einer Thematik auseinandersetze und eine gewisse Orientierung benötige, freue sich über den leichteren und emotionaleren Zugang einer Reportage im Vergleich zu einem faktenlastigen Bericht, schreibt Juan Moreno in Tausend Zeilen Lüge. So ist das auch beim Weltretten: Jemand, der an Silvester beschlossen hat, ein besserer Mensch zu werden, wird sich in den meisten Fällen am ersten Januar nicht den Meeres-Atlas der Böll-Stiftung und den Asia Living Wage Report der Clean Clothes Campaign reinziehen, sondern auf diversen Plattformen gleich nach Lösungen suchen. Das ist auch völlig in Ordnung – erstmal.

Viel wichtiger als die „richtigen“ Lösungen (die es ohnehin nie gibt – aber das trauen sich viele nicht zu sagen. Weshalb? Aus Angst, damit bei den Follower:innen ein Gefühl von Ohnmacht und Resignation hervorzurufen)  sind auf lange Sicht jedoch die richtigen Fragen: Woran erkenne ich Greenwashing, wenn nicht ausschließlich an der Zugehörigkeit der Marke zu einem Großkonzern? Was genau sind die Vor- und Nachteile von Gentechnik, und inwiefern hängen diese auch von den Praktiken der Firmen ab, die genmanipuliertes Saatgut vertreiben? Weshalb hat sich das Coronavirus so ausgebreitet, wie es sich ausgebreitet hat?

„Fake News“ und Verschwörungsmythen waren zuletzt während der Corona-Pandemie für viele eine willkommene Antwort auf all ihre Fragen – so auch für viele Follower:innen des veganen Kochbuchautors Attila Hildmann. „Etwas, das man versteht, macht einem weniger Angst“ schreibt Moreno. Heutzutage, so hieße es, gäbe es eine große Sehnsucht nach Vereinfachung.

Genau diese thematisiert auch Thomas Bauer in die Vereindeutigung der Welt, und stellt darin einen interessanten Bezug zum Kapitalismus her: „Jeder Ware und jedem Menschen (der dafür ebenfalls Warencharakter annehmen muss) kann über die Mechanismen des Marktes ein exakter Wert zugemessen werden, der in einer exakten Zahl ausgedrückt werden kann und damit jedes Nachdenken über Wert und Werte beendet“.

So hat auch der Content vieler Influencerinnen einen Wert, der über das Honorar, das man für ein Unboxing-Video mit einer PR-Agentur aushandelt, hinausgeht. Personen – oder sollte ich sagen: „Personalities“ – die einfache, teils semi-spirituelle Lösungen bieten, liefern ihren Communities in ihren Insta-Stories und Online-Crashkursen den Schlüssel zu einem besseren, glücklicheren Ich – und haben damit Erfolg, wie Laura Malina Seiler eindrücklich demonstriert (um nur ein Beispiel zu nennen).

Was hingegen nicht mehr bezahlt wird: Gute Recherche. Seit Jahren befindet sich der Journalismus in einer „Krise“ (meiner Meinung nach ein missverständliches Wort, suggeriert es doch, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelt). Moreno schreibt dazu: „Heute müssen sie [die Journalist:innen], wollen sie zukunftsfähigen, anspruchsvollen, zeit- und kostenintensiven und vor allem unabhängigen Journalismus machen, mehr leisten. Sie müssen einordnen, analysieren, und sie müssen, nicht zuletzt, erzählen, und zwar große Geschichten. Geschichten, deren Recherche man nicht finanzieren kann, wenn man sie kostenlos auf einer rein werbefinanzierten Webseite bereitstellt“.

Gutes Storytelling, Monokausalitäten und erwartbare Erklärungen für das Leid der Welt, so wie Claas Relotius sie für die Leser:innen des Spiegels lieferte, schienen (zumindest eine Zeit lang) die einzige Hoffnung des Journalismus zu sein. Dass viele seiner Charaktere und Aussagen schlicht erfunden waren, fiel dabei lange Zeit nicht auf, denn: Die Geschichten wirkten plausibel und erfüllten – so Moreno – die Hoffnungen und Erwartungen der Leser:innen und damit auch der Redaktion.

Ähnliches kann ich auf meinem Blog beobachten: Während ein aufwendig recherchierter Beitrag über Sonnencremes, für den ich mehr oder weniger versehentlich die Presse-Hotline des Umweltbundesamts belegt und mich stundenlang durch Fachdatenbanken geklickt habe, nur wenige hundert Aufrufe bekam, hat ein Shampoo-Vergleich mehr als 20 Mal so viele Aufrufe. Der Unterschied: Er kommt zu einem recht eindeutigen Ergebnis, das da lautet: Produkt A mochte ich, Produkt B weniger. Völlig subjektiv, dafür leicht verständlich und oft auf Pinterest geteilt. Bei den Sonnencremes hingegen lautet das Fazit: Es gibt keinen UV-Filter, den ich bedenkenlos empfehlen könnte. Man wird mit Sonnencreme irgendwelche Meeresbewohner oder wahlweise das eigene Nervensystem schädigen – und wer sich nicht eincremt, schädigt die eigene Haut.

Noch schlimmer ist es mit feministischen Texten: Letztes Jahr habe ich zwei Versuche gestartet – beide trafen auf wenig Interesse. Klar, als begeisterte Umweltaktivistin im fairen „we should all be feminists“-Shirt will man sich nicht damit auseinandersetzen, dass man mit dem Einkauf im Unverpacktladen noch mehr unbezahlte Hausarbeit verrichtet. Und erst recht nicht damit, ob man durch das stolze Posten dieses Einkaufs auf Instagram ein überholtes Frauenbild vermittelt.

Das Pochen auf die eigene Entscheidungsfreiheit ist – konfrontiert mit kritischen Bemerkungen zu Geschlechterstereotypen –  eine häufige Entgegnung, um sich mit den Alternativen nicht auseinandersetzen zu müssen, wie auch Natasha Walter in Living Dolls aufzeigt. Entscheidungsfreiheit, oft eng verknüpft mit Konsumfreiheit.

Margarete Stokowski schrieb mal, alles sei schöner, wenn es freiwillig und bewusst selbst gewählt sei – und dazu müsse man die Alternativen erst mal kennen. Ich habe dieses Zitat lange auf Konsumgüter übertragen: Als ich im Herbst 2017 „Tiny Green Footsteps“ ins Leben rief, war es meine erklärte Mission, möglichst vielen Menschen grüne Alternativen zu allem möglichen und meine Meinung dazu zu präsentieren. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2020 und das Internet ist voll von „10 Tipps für einen grüneren Alltag“. Ich habe mich weiterentwickelt, und dieser Blog und die dazugehörigen Social Media Profile sollten es auch tun – auf die Gefahr hin, damit Leser:innen und potentielle Werbepartner:innen zu verlieren.

Ich möchte lieber keine „Greenfluencerin“ mehr sein. Influencerinnen beeinflussen (wie das Wort schon nahelegt): Sie verkaufen einfache Antworten auf alltägliche genauso wie weltbewegende Fragen, die allzu oft lauten: Konsum is key. Journalist:innen hingegen stellen im besten Fall Fragen.

Ich möchte Bloggerin sein und Journalistin werden (dazu studiere ich). Was bedeutet das für diesen Blog? Es wird unbequem und uneindeutig. Nachhaltigkeit wird weiterhin das zentrale Thema sein, aber es wird anders behandelt werden: Interviews werden die DIYs ersetzten, längere Recherchen die Produkttests, Überblicks-Artikel wird es weiterhin einige wenige geben und kritische Artikel zu politischen oder feministischen Themen werden vielleicht häufiger kommen als bisher. Und vielleicht mögt ihr mich dabei weiterhin begleiten? Ich würde mich jedenfalls darüber freuen.

Eure Sonja

P.S.: Noch ein Wort zu Werbung. Um mit diesem Blog kein Minus zu machen, da ich in Hosting, Kamera, Laptop, Photoshop und Fortbildungen eine Menge Geld stecke, werde ich weiterhin mit ausgewählten Kooperationspartner:innen arbeiten. Es geht mir dabei aber nicht darum, einen Gewinn zu erzielen, sondern lediglich darum, kostendeckend zu arbeiten.

4 thoughts on “Warum ich lieber keine Influencerin sein möchte

  1. Hallo, schon früher haben mich in sog. „Frauenzeitschriften“ nie die Produktreviews interessiert, sondern so differenziert verfasste Artikel, wie diese. Sie sind es, die mir helfen, die Frage zu beantworten wie ich mein Leben führe und führen will – und zwar am liebsten jeden Tag etwas besser. Und dazu kann dann u.a. (!) auch mal eine Kaufentscheidung gehören, bei der ich mich gerne von so vertrauenswürdigen Personen wie Dir beeinflussen (also doch ein bisschen influence ;-)) lasse! Sonja und alle anderen die so schreiben: Ihr seid m.E. die „richtigen“ influencer:innen! Liebe Grüße von Jutta aus Münster

  2. Liebe Sonja,
    vielen Dank für diesen differenzierten und deutlichen Artikel. Ich kann so gut nachvollziehen, was du meinst! Lange hab ich überlegt, ob ich hier kommentiere und öffentlich Stellung beziehe. Warum? Weil ich selbst mit mir und meiner Bloggerei schon länger nicht mehr im Reinen bin. Auf der einen Seite freue ich mich total, von den Gratis Samples, die du eingangs ansprichst, zu profitieren – auf der anderen denke ich mir auch, dass mir a) meine Zeit für den Gegenwert zu schade ist. Denn es ist ja so: die geforderte Personality kommt eben nicht durch solch stupide Produktpostings, sondern durch alles außen rum. Dadurch, dass man Follower mit durch seinen Alltag nimmt. Das verträgt sich bei mir nicht mit meiner Einstellung zur Privatspähre, und außerdem, ganz ehrlich: so spannend wäre das alles nicht 😀

    Letzten Endes ein Nullsummengeschäft, bei dem man unendlich viel Arbeits-, Lebenszeit opfert. Wofür? Um eine kleine Werbeplattform zu sein. Auch ich hab mit dem gleichen Ansatz begonnen wie du: grüne Alternativen zu zeigen. Und jetzt? Kurble ich wohl in erster Linie (grüneren) Konsum an und muss mich von „Profis“ auch noch dafür rechtfertigen, dass ich bswp. nicht mit Affiliate Links oder Codes arbeite, weil mein Ziel eben nicht der Abverkauf ist.

    Auf der anderen Seite sehe ich es aber auch ganz genau wie du: sobald man sich die Zeit nimmt, wirklich differenziert zu recherchieren und zu berichten, lockt der Content oft niemandem hinterm Ofen vor. Und für 200 Leute, die den Senf dann lesen, ist die eigene Zeit auch wieder zu schade. Mal ganz abgesehen davon, dass ein Produktreview sehr viel schneller getippt ist als ein tiefer gehender Artikel. Die Nische zwischen Hobby ohne Anspruch und professionellem Business lässt sich als grüner Influencer einfach nicht nutzen, denke ich. Man muss sich für A oder B entscheiden, mit allen Konsequenzen.

    Ich werde auf jeden Fall gerne auch weiterhin lesen, was du berichtest – auch wenn es manchmal unangenehm ist, weil man sich an die eigene Nase fassen muss.

    Liebe Grüße,
    Kati

  3. Ich finde es gut, dass du so ehrlich bist und es ist auch völlig okay, das du Kooperationen weiterhin annimmst. Zumal sie bei dir ja immer sehr gut ausgewählt sind, da vertraut man der Meinung eher, als wenn man dauernd mit irgendwelchen Codes bombadiert wird.

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