Sharing Economy: Interview mit der Leihothek

Die Leihothek verleiht Alltagsgegenstände und möchte damit Münster ein wenig grüner machen. Ich habe mich mit Gründer Daniel und Unterstützerin Frederike, die über Campus Relations in dem Projekt mitarbeitet, getroffen. Weshalb es zum Beispiel nicht sinnvoll ist, sich als Privatperson einen Akkubohrer zu kaufen, und warum ein Katzenklo es doch nicht in die Bestandsliste der Leihothek geschafft hat, das erfahrt ihr im Interview mit den beiden.

Leihothek, Münster, Bücherei der Dinge Münster, library of things deutschland

S: Für alle, die euch noch nicht kennen:  Was ist die Leihothek?

D: Die Leihothek ist ganz einfach eine Bibliothek der Dinge – also nicht eine klassische Bibliothek, in der du Bücher ausleihen möchtest; wir haben hier kein einziges Buch, das du ausleihen kannst. Du kannst dir hier halt Dinge ausleihen: Gegenstände, die du mal brauchst, die sonst aber einfach nur teuer in der Anschaffung sind, in der Ecke rumstehen und deshalb unnötig Ressourcen verbrauchen. Wenn du jetzt an ’nen Akkubohrer denkst, oder einen Schokobrunnen zum Beispiel, dann sind das die typischen Gegenstände, die bei uns in der Leihothek zu finden sind.

Wenn du ein Bild aufhängen willst oder wenn du einen Schrank zusammenbauen möchtest, dann brauchst du einen Akkubohrer; es geht fast nicht ohne. Danach brauchst du ihn aber erstmal nicht mehr. In der Regel wird ein Akkubohrer das ganze Leben lang sieben Minuten genutzt, den Rest der Zeit liegt er ungenutzt im Regal und nimmt Platz weg.  Jetzt frag ich mal: Wenn du ein Gerät – und ein Standard-Gerät kostet 100€ – sieben Minuten lang benutzt, macht das Sinn? – Nein, das macht keinen Sinn. Deshalb haben wir hier einen Pool von Alltagsgegenständen, die man sich ausleihen kann.

Die Idee ist: Geld sparen, Platz sparen, Ressourcen schonen und das eigene Leben vielfältiger gestalten.

S: Was ist denn der kurioseste Gegenstand, den ihr hier habt?

D: Puh… *lacht*. Also ich kann schon mal sagen was am besten geht: Am besten geht tatsächlich der Fenstersauger. Jeder, der den ausleiht, kommt begeistert zurück und sagt: „Geil, den leih ich mir in ’nem halben Jahr wieder aus“. Der kurioseste, da muss ich jetzt überlegen…

F: Das wäre ja – wenn ihr es angenommen hättet – das Katzenklo gewesen. Das wurde uns mal angeboten zum Aufnehmen in unseren Bestand. Aber da hat Daniel gesagt „Man kann das seiner Katze ja nicht für’nen Tag hinstellen und dann am nächsten wieder wegnehmen“.

D: Stimmt! Also wir hatten hier mal eine sehr nette Dame, die sich auch sehr für die Leihothek interessiert hat. Sie war bei der Eröffnung dabei wollte dann gerne auch etwas spenden, und da ist sie dann auf das Katzenklo gekommen. Wir haben gesagt, das ist zwar ein Alltagsgegenstand, aber es ist kein Alltagsgegenstand, den man mal braucht. Wir hatten dann eine sehr lustige Diskussion darüber, warum wir es jetzt nicht annehmen.

S: Heißt das, ihr arbeitet nur mit Spenden – oder schafft ihr auch selbst Dinge an?

D: Angefangen haben wir damit, dass ich meinen Keller ausgemistet hab. Ich selbst hab auch in Münster studiert, und Wohnraum war auch da schon teuer, jetzt ist er aber richtig teuer. Man hat halt ein kleines Zimmer, zieht auch mal wieder um, macht ein Auslandssemester… Und es gibt so ein paar Umzugskartons, die glaub ich jeder hat, die so von Keller zu Keller ziehen. Mein liebstes Beispiel ist dieser Lenkdrachen: Als ich angefangen hab zu studieren, hab ich gedacht, dass ich nach der Vorlesung  Lenkdrachen fliegen gehen kann. Das ist natürlich nie passiert. Den hab ich aber immer noch, und ich weiß nicht, wie viele tausend Kilometer der schon mit umgezogen ist. Diese ganzen Sachen haben wir hier rein gepackt, und so haben wir angefangen: Das war die Geburtsstunde der Leihothek.

Seit dem Eröffnungstag kriegen wir wirklich wöchentlich Spenden, vor allem von Leuten, die sagen: „Ich hab hier keine Verwendung für“. Wir waren mal in der Lokalzeit im WDR. Direkt danach kam eine Dame vorbei, die uns diesen Fonduepott geschenkt hat. Der lag bei ihr zehn Jahre lang rum und war noch nagelneu. So sind viele Spenden dazu gekommen.

Wir haben hier auch eine Wunschliste, an der sieht man, was die Leute gerade so klasse finden. Wir fragen uns dann: „Macht das Sinn? Wär das gut für viele Leute?“ und dann schaffen wir das auch selber an. Ich wäre ohne diese Liste zum Beispiel nie drauf gekommen, dass ein großer Koffer eine sinnvolle Anschaffung wäre. Aber wenn man auf 12qm wohnt und da steht ein großer Koffer drin, dann nimmt der schon viel Platz weg.

S: Und muss man zum Ausleihen bei euch Mitglied werden oder kann man einfach herkommen und sich etwas ausleihen?

D: Du kannst einfach herkommen und du kannst dir einfach was ausleihen. Du müsstest dich dann einmal registrieren, dazu gibt es so ein Leih-Formular, und dann kannst du direkt etwas ausleihen. Am besten registrierst du dich vorher zuhause über unsere Webseite und reservierst den Artikel, um sicherzugehen, dass der Artikel gerade verfügbar ist. Das System wird gut angenommen.

Alternativ haben wir eine Flatrate im Angebot, in der alle Ausleihen inklusive sind. Dann brauchst du dir gar nichts mehr anzuschaffen, denn wir haben alles hier.

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S: Ihr wollt die Welt ja ein bisschen grüner machen. Darf ich in dem Kontext mal fragen, was du von der Idee des grünen Kapitalismus hältst? Also zum Beispiel von diesem Spruch „Dein Kassenzettel ist dein Stimmzettel“. Könnten wir uns die Welt vielleicht auch grün konsumieren? Und steht ihr nicht in Konkurrenz dazu?

D: Gute Frage, da hab ich so noch nie drüber nachgedacht…

Also die Leihothek soll erstmal ein ganz einfaches Problem lösen, das viele Studierende haben: Platzmangel und Geldmangel. Um das zu lösen, hab ich die Leihothek eröffnet – und wir wollen damit die Welt tatsächlich ein Stück grüner machen.

Ich glaube, dass sich die Art des Konsums, die wir gerade haben, ein Stück überlebt hat. Wir besitzen alles Notwendige und wenn wir jetzt noch mehr konsumieren, werden wir auf lange Sicht nicht glücklicher. Im Gegenteil: Weil der Keller voll und die Geldbeutel leerer werden, empfinden wir unseren ganzen Besitz langfristig sogar belastend.

Was wir jetzt erreichen müssen ist eine Welt, in der der wir verstehen, dass ein voller Keller nicht glücklich macht. Mit der Leihothek kann jede Person alle Artikel genießen, die sonst im Keller sind, ohne dass Platz verloren geht und vorher viel investiert werden muss. Gleichzeitig wird ihr Leben vielfältiger, weil final mehr Artikel zur Verfügung stehen, als sonst im Keller sind.

Ob die Welt jetzt insgesamt grüner wird dadurch, dass wir die Leihothek aufmachen? Ich würd sagen: Ein Stück, ja. Wird dadurch, dass wir hier eine Leihothek haben, der Konsum gerade nachhaltig beeinträchtigt? Nein, glaub ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass dadurch aktuell ein Teil weniger produziert wird. Wir haben jetzt hier gerade den Anfang geschaffen und wir haben Lust, Großes draus zu machen. Unser Ziel ist es, Leihotheken in ganz Deutschland zu ermöglichen und unser Credo ist „Leihen ist das neue Kaufen“. Und wenn wir das hinkriegen – und ich bin mir ganz sicher, das kriegen wir hin –  dann leisten wir sehr wohl einen bedeutenden Beitrag und ich glaube, dass dann auch der Konsum ein bisschen runtergeht. Ich will Konsum aber nicht verteufeln.

Irgendwann reicht den Leuten vielleicht aber auch einfach das Stadtteilauto. Mein Lieblingsbeispiel ist da Mercedes. Da ist es genau wie mit der Bohrmaschine: Die Leute wollen eigentlich keine Bohrmaschine haben, sondern sie wollen das Loch in der Wand haben. Und Mercedes sagt, die Leute wollen nicht das Auto zuhause stehen haben – aktuell ist das in Deutschland ja noch so – denn im Endeffekt wollen sie nur von A nach B kommen. Und das bauen die gerade aus, obwohl Mercedes davon lebt, Autos zu verkaufen. Wenn man darüber nachdenkt, dann kommt man darauf, dass Bosch zum Beispiel gar keine Bohrmaschinen verkaufen muss, wenn es ein Netzwerk gibt, wo man die irgendwie ausleihen kann. Geld kann auch mit dem Verleihen von Bohrmaschinen verdient werden. Zusätzlich kann immer das passendste Modell für die anstehende Arbeit genutzt werden.  Wir wollen dieses Netzwerk für Bosch und Co sein. Wenn wir diese Idee jetzt weiterdenken, ist allen geholfen.

S: Also ihr seid jetzt keine Hardcore-Anti-Kapitalisten?

D: Ne, ich hab BWL studiert und steh hinter der Marktwirtschaft. Ich denke, die Marktwirtschaft ist bislang noch die einzige Form, die erfolgreich ist und die Möglichkeit bietet, bestehende Geschäftsmodelle mit neueren, innovativen Ideen zu übertrumpfen und so abzulösen. Genau das haben wir ja mit der Leihothek vor – und das bietet aktuell nur die Marktwirtschaft.

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S: Wie finanziert ihr euch denn im Moment? Arbeitet ihr alle ehrenamtlich?

D: Campus Relations unterstützt uns ehrenamtlich. Cynthia ist aktuell in einer kleinen Förderung. Ich arbeite ehrenamtlich und bezahl gerade den Spaß aus eigener Tasche. Momentan ist die Leihothek etwas, wo ich über Monate Geld reinstecke, weil irgendwie müssen die Sachen ja auch besorgt werden. Wir sind jetzt gerade aber dabei, Kooperationen abzuschließen.

S: Würdet ihr euch auch Unterstützung von Kommunen wünschen? Oder wollt ihr lieber euer eigenes Ding machen?

D: Tatsächlich sind wir insbesondere zu Beginn auf Hilfe von außen angewiesen. Auch wenn wir den Laden vom Studierendenwerk Münster kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen haben, gibt es viele Kosten, die gedeckt werden müssen. Deshalb sind wir immer auf der Suche nach Sponsoren und Unterstützern. Wir möchten aber weiterhin eigenständig sein, um die nötige Flexibilität zu haben. Die Stadt ist bereits auf uns zugekommen und wir sind auf einigen Webseiten, wie zum Beispiel „Gutes Morgen“ als nachhaltiges Projekt gelistet.

Wir müssen aber weiterhin auf eigenen Beinen stehen, denn die Stadt kümmert sich um Münster, wir als Leihothek wollen aber ganz Deutschland erobern.

S: Hattet ihr dabei ein Vorbild?

D: Ja, es gibt zwei oder drei „librarys of things“. In London zum Beispiel hat man das gleiche Problem: Wenig Platz und die Mieten sind teuer. Da habe ich eine gesehen und gedacht: „Das ist aber cool“, und da ist die Idee auch bei mir entstanden. Ich dachte: „Moment mal, mein Keller ist auch voll, Münster ist auch teuer“ – und eigentlich ist Münster viel cooler und nachhaltiger unterwegs als London, muss man einfach mal so sagen. Und da haben wir uns entschlossen, das jetzt einfach mal zu probieren.

S: Wie geht es nun weiter?

D: Wir haben verschiedene Leute in verschiedenen Städten und Dörfern gefunden, die gesagt haben „coole Idee, das wollen wir auch machen!“. Wir haben die Marke Leihothek gesichert, und die Leute würden die ganz gerne mitbenutzen. Wir arbeiten gerade auch an einer Software, die das Ausleihen einfacher machen soll. Längerfristig wollen wir auch Sachen ausliefern, aber das ist noch Zukunftsmusik.

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2 thoughts on “Sharing Economy: Interview mit der Leihothek

  1. Ich wünschte echt, sowas gäbe es hier auch. Auch wenn ich einen Akkubohrer jetzt vielleicht doch eher kaufen würde, weil man sowas immer mal braucht und ich da nicht immer losrennen wollen würde, aber so andere Dinge, wie Fondue, Entsafter oder sowas, das wäre echt super praktisch. Das Waffeleisen steht bei uns auch nur rum und nimmt Platz weg, das könnte ich dann glatt spenden :D

  2. Ich habe deinen Artikel mit Begeisterung gelesen – das finde ich fantastisch. Es gibt so viele Sachen , die oft nur einmal im Jahr zum Einsatz kommen ( da muss ich sofort an Silvester -Raclette denken ) oder die man sich tatsächlich für einen Tag und große Arbeiten anschafft wie Schrank zusammen bauen . Ich finde die Idee super & liebe Grüße Anna

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