Sharing Economy: Interview mit FAIRNICA

Bei FAIRNICA kann man faire Mode einfach mieten, statt sich jede Saison etwas Neues zu kaufen. Ich durfte Gründerin Nicola mit meinen Fragen löchern: Wie entstand die Idee, welche Vorbehalte gibt es gegenüber dem Konzept, und wie kann man Menschen dazu motivieren, weniger Besitz anzuhäufen?

FAIRNICA, Kleider Verleih, Kapsel Vermietung, Capsule Wardrobe leihen

S: Für alle, die FAIRNICA noch nicht kennen: FAIRNICA ist die „die erste Fair Fashion Capsule Wardrobe Vermietung“ – was genau muss ich mir darunter vorstellen?

N: Wir vermieten keine Einzelteile, sondern Mini-Garderoben, sogenannte Kapseln. Die Kapseln bestehen aus 5-8 fair und ökologisch produzierten Kleidungsstücken, die alle untereinander kombinierbar sind. So ergibt eine Kapsel mit ein paar Basics, die jeder zu Hause hat, mindestens 30 Outfits.

S: Was ist deine persönliche Motivation? Hattest du ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu bewegt hat, die Kapsel-Vermietung zu gründen?

N: Ich habe mich in meiner ersten Elternzeit mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und gelernt welchen großen Einfluss die Textilindustrie auf die Verschmutzung unserer Umwelt hat. Unter welch schlechten Arbeitsbedingungen die Textilarbeiter*innen leiden, hatte ich natürlich vorher schon gehört, aber so richtig bewusst geworden, ist es mir auch in dieser Zeit. Auf viele Dinge haben wir als Privatpersonen vielleicht keinen großen Einfluss, aber auf unsere Kleiderwahl natürlich schon. Da können wir die Verantwortung nicht (ausschließlich) auf die Politik abwälzen, die natürlich auch einen sehr großen Beitrag leisten könnte. Ich habe mich auf die Suche gemacht nach Alternativen Modellen zum Kauf und nichts gefunden, was mich restlos überzeigt hätte. Ich habe einen Vermietservice getestet und Einzelteile bekommen, die ich nicht mit meiner Garderobe kombinieren konnte und so lagen die Teile größtenteils rum. Ich fand, dass man das besser machen konnte. Also habe ich angefangen selber ein Konzept zu schreiben, habe mit vielen Leuten drüber gesprochen und so hat sich dann auch unser Team zusammengefunden.

S: Neulich habe ich mit dem Gründer der Leihothek Münster gesprochen, der mir sagte: „Die Leute wollen nicht die Bohrmaschine, die Leute wollen das Loch in der Wand“. Was wollen die Leute von Mode? Und wie trägt FAIRNICA dazu bei, dass sie es bekommen?

N: Viele Menschen wollen häufig neue Mode und neue Stile testen. Sie wollen sich durch Mode neu erfinden, sich gut gekleidet fühlen und ihre Persönlichkeit ausdrücken. Ein schönes Outfit verhilft vielen zu einem gestärkten Selbstbewusstsein. Ob man das jetzt gut findet oder nicht, das wird dazu führen, dass Menschen weiter Kleidung konsumieren wollen. Wir wollen eine Möglichkeit bieten, wie man dieses Bedürfnis stillen kann, ohne ständig Sachen kaufen zu müssen. Denn häufig werden Kleidungsstücke nur für eine kurze Zeit getragen und warum sollte man sie dann nicht einfach wieder zurückschicken und Platz für neue Sachen im Kleiderschrank machen. Ähnlich wie bei der Bohrmaschine geht es nicht um den Besitz der Sachen, sondern darum, sie für eine gewisse Zeit tragen zu können.

S: Die meisten Leute scheinen mir von der Idee ja total begeistert zu sein. Gibt es auch welche, die Vorbehalte haben? Wenn ja, welche sind das und sind die berechtigt?

N: Natürlich gibt es viele Leute, die skeptisch sind. Wir bewegen uns noch in einer kleinen Nische, sogar in mehreren. Kleidung mieten, Fair Fashion und dann auch noch Capsule Wardrobe sind noch nicht im Mainstream angekommen. Einige haben Bedenken Second Hand Kleidung zu tragen, andere haben Angst davor Flecken in die Kleidung zu machen, manchen ist Besitz tatsächlich noch wichtig. Ich denke Bedenken gegenüber Second Hand Kleidung muss man nicht haben. Jeder von uns hat eine Waschmaschine zu Hause und es sollte auch jedem klar sein, dass die Kleidung im Laden vielleicht auch schon von anderen anprobiert wurde und danach wurde sie vermutlich nicht gewaschen. Über Flecken muss man sich auch keine Gedanken machen. Wenn man die Kleidung nicht grad beim Streichen der Wohnung anzieht, übernehmen wir das volle Risiko. Rotwein-, Tomaten- oder Blutflecken können halt passieren und das ist völlig ok. Bei den Personen, die Kleidung besitzen wollen, gibt es unterschiedliche Beweggründe. Einer ist der, dass Kleidung sehr lang getragen wird und dann müssen wir ehrlich sagen, sind wir auch einfach nicht der richtige Service, denn seine Kleidung lange zu tragen, ist sicher nachhaltiger als das, was wir bieten können. Wir sprechen Menschen an, die sich häufig neue Kleidung wünschen und diese nicht lang tragen wollen.

S: FAIRNICA will einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten, richtig? Darf ich in dem Kontext mal fragen, was du von der Idee des Ökokapitalismus hältst? Also zum Beispiel von dem Spruch „Dein Kassenzettel ist dein Stimmzettel“. Könnten wir uns die Welt vielleicht auch grün konsumieren?

N: Grün konsumieren können wir uns unsere Welt sicher nicht. Auf Konsum zu verzichten ist immer der Weg, der zu bevorzugen ist. Jetzt sind wir ja aber alle von unterschiedlichen Bedürfnissen getrieben und wenn Kleidung einen hohen Stellenwert in meinem Leben hat, möchte ich vielleicht nicht darauf verzichten, „neue“ Kleidung zu tragen. Und dann finde ich es super, wenn es Menschen gibt, die offen für neue Modelle sind. Ich glaube schon daran, dass wir mit unseren Kaufentscheidungen einen großen Einfluss haben.

S: Steht ihr in Konkurrenz zu Fair Fashion Labels, die ihr Geld damit verdienen, ihre Kleidung zu verkaufen?

N: Nein. Wir kaufen ja selber bei diesen Labels ein. Die meisten unterstützen unsere Idee und freuen sich über neue Geschäftsmodelle. Wir haben ein gemeinsames Ziel.

S: Wie kann man Menschen dafür begeistern, weniger Besitz anzuhäufen und zu horten?

N: Das ist sehr schwierig. Wir können nur zeigen, dass es nicht notwendig ist. Jeder, der sich mal eine Kapsel mietet, merkt, dass er mit so wenigen Teilen so viele Outfits kreieren kann. Ein voller Kleiderschrank ist nicht notwendig, wenn die Teile gut untereinander kombinierbar sind. Natürlich ist es zu so einem Kleiderschrank ein langer Weg. Wir sagen auch nicht, dass jetzt alles aussortiert werden sollte. Wir regen nur an, vor dem nächsten Kauf darüber nachzudenken, ob man wirklich etwas neues besitzen muss oder ob man eigentlich nur eine Abwechslung für einen kurzen Zeitraum sucht. Dann ist die Miete von Kleidung der günstigere und nachhaltigere Weg.

S: Abschließend: Glaubst du, dass wir in der Zukunft alle nur noch mieten? Oder ist es an manchen Punkten eher so, dass sich Besitz und Geliehenes ergänzen sollten?

N: Ich bin davon überzeugt, dass wir alle unser Modeabo haben werden, wie wir jetzt alle unser Musik- oder Streaming-Abo haben. Gleichzeitig glaube ich wird es immer Kleidungsstücke geben, die wir besitzen. Abgesehen von z.B. Unterwäsche oder Bademode, die wir aus hygienischen Gründen nicht mieten wollen, macht es Sinn Basics wie eine Jeans oder einen Blazer (wenn ich ihn z.B. regelmäßig auf der Arbeit brauche) zu besitzen. Ich wünsche mir, dass jeder eine für sich optimierte Grundgarderobe zu Hause hat, die einem lange Spaß bereitet und alle weiteren Teile gemietet werden. So hätte jeder eine maximale Abwechslung im Kleiderschrank ohne etwas kaufen zu müssen.

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