Das Münsteraner Modelabel richtung°heimat verkauft zeitlose Pullis, Shirts und Accessoires, bestickt mit individuellen Koordinaten oder denen der Stadt Münster. Ich habe einen der beiden Gründer*innen, Simon Janssen, getroffen.

Simon Janssen, 29, studierte International Business Management in den Niederlanden. 2020 launchte er zusammen mit Katharina „Kathi“ Heinemann, 30, die erste Kollektion von richtung°heimat. Wenn er nicht gerade weiter an dem Modelabel tüftelt, arbeitet er für das DigitalHub, bastelt Websites oder baut seinen Bus aus.

Ihn habe ich gefragt, wie es zu richtung°heimat kam und ob der Weg dorthin ein einfacher war (Spoiler: jein).

richtung°heimat Postkarte
Was bedeutet Heimat für dich?

Wann und wo hattet ihr die Idee zu richtung°heimat?

Die Idee

Die Idee zu unserem Modelabel war im Prinzip ein reines Zufallsprodukt. Man könnte sagen, Simon war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Alles begann damit, dass Simon in einem Münsteraner Printshop dem Gespräch einer Mutter und dem Ladeninhaber lauschte. Ihr Sohn war kurz davor nach der Schule ein Jahr ins Ausland zu gehen und sie wollte ihm etwas besonderes schenken, dass ihn an seine Heimat erinnert – einen Pullover mit den Koordinaten seiner Heimat.

Simon war sofort begeistert von der Idee! Wenige Stunden später waren die ersten Entwürfe fertig, sodass noch am selben Tag die ersten Muster Shirts in Auftrag gegeben wurden. Von da an hat alles seinen Lauf genommen.

Die Story

Menschen lieben es, Geschichten zu hören oder zu erzählen. Das spannende an Koordinaten ist, dass diese von den Orten erzählen an denen die Geschichten stattgefunden haben.

Durch die Verwendung von Koordinaten sind wir bzw. unsere Kunden so in der Lage bestimmte Momente, Gefühle und Erinnerung mit den Orten an denen sie passiert sind zu verknüpfen.

Welche Koordinaten dabei ausgewählt werden sollen ist dabei frei wählbar – die Heimat, der Ort der Hochzeit, des ersten Dates oder der Ort des ersten Kusses.

Gründen ist immer auch ein Risiko – war es für euch aufgrund eurer hohen Anforderungen doppelt schwer, diese Entscheidung zu treffen bzw. dieses Risiko einzugehen?

Selbstverständlich ist die Gründung eines Unternehmens immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Um dieses Risiko besser einschätzen zu können, haben wir nach wie vor beide einen regulären Job.

Wir haben uns mit dem endgültigen Start viel Zeit gelassen. Viele Monate sind vergangen in denen wir unsere Zeit damit verbracht haben zu recherchieren, zu diskutieren, unsere Werte zu definieren und welchen Weg wir mit  richtung°heimat im Modesektor gehen wollen.

Noch ein Modelabel, das überflüssige Saisonware im Überfluss produziert? Dass wir das nicht wollen, war uns beiden von Anfang an klar. Es stand direkt für uns fest, dass wir die Dinge anders machen wollten, nicht der Norm entsprechen.

Das bedeutet, dass unsere Produkte nicht nur nachhaltig produziert werden sollten, sondern auch ein Bewusstsein für die Produktion von Textilien bei unseren Kunden hervorrufen sollen.

Euch war und ist es wichtig, fair und nachhaltig zu produzieren – war es einfach, Produzenten zu finden, die euren Ansprüchen gerecht werden? Worauf habt ihr bei der Suche nach Lieferanten geachtet?

Die Begriffe ‘fair’ und ‘nachhaltig’

Die Worte ‘fair’ und ‘nachhaltig’ werden aktuell sehr gerne und viel in der Gesellschaft und vor allem in der Modeindustrie benutzt. Dabei ist einem oftmals die Reichweite und die damit eingehende Verantwortung nicht bewusst. Wir glauben, dass jede Bemühung diesen Ansprüchen auch nur in Teilen gerecht zu werden, der richtige Weg ist.

Die Produzentensuche

Nun um auf deine Frage zurückzukommen – Nein, es ist auf keinen Fall einfach Produzenten zu finden, die unseren Ansprüchen gerecht werden.

Anfangs standen wir vor der großen Entscheidung wo wir überhaupt mit unseren Ansprüchen und vor allem in unserer noch recht kleinen Größenordnung produzieren können.

Option A) war alles selbst in die Hand zu nehmen und auf eigene Faust in Produktionsstätten mit eigenen Designs Schnitte und Passformen zu entwickeln und produzieren zu lassen. Dazu gehört dann nicht nur die eigentliche Produktidee, sondern auch die Produktentwicklung in Hinsicht auf Passform, Qualität, Materialauswahl und Produktion. Diese Idee haben wir aber aufgrund von zu hohen Mindestabnahmemengen und dem damit verbundenen finanziellen Aufwand verworfen.

Die andere und für den Start unseres Labels deutlich bessere Option B) war die Zusammenarbeit mit einem Großhändlers der zeitlose Basic Schnitte produziert. Der Vorteil hier liegt ganz deutlich in den kleineren Abnahmemengen und der Erfahrung in der nachhaltigen Produktion von Bekleidung.

Nach langer Recherche und dem Austausch mit verschiedenen Labels und Produktionsstätten in Europa, haben wir uns für Option B) entschieden, die Zusammenarbeit mit einem internationalen Großhandelspartner.

Unser aktueller Partner

Die Gründe die dazu geführt haben, dass wir uns für unseren Partner entschieden haben teilen sich in die Bereiche Qualität, Transparenz und Verantwortung auf.

Qualität

In der Produktion wird darauf geachtet, ausschließlich hochwertige und ressourcenschonende Materialien zu verwenden. Für die Fertigung unserer Oberbekleidung wird 100% Bio-Baumwolle und recyceltes Polyester verwendet.

Transparenz

Die Produktionskette ist zu 100% Transparent. Die Bio-Baumwolle wird in Indien geerntet, in einer der auf 5 Partner Fabriken in Bangladesch und einer in China produziert und danach vom Lager in Brüssel versand. Um einen besseren Überblick über  Produktionsbedingungen und -prozess zu halten ist die Zusammenarbeit bewusst auf langfristige solidarische, partnerschaftliche Beziehungen ausgelegt.

Verantwortung

Unser Partner ist von mehreren unabhängigen Prüfinstituten in Bezug auf Arbeitsbedingungen und Nachhaltig zertifiziert.

Ein ebenfalls häufig sehr kritisches Thema in Bezug auf die Bekleidungsherstellung ist der Umgang mit den Abwassern, die während der Produktion entstehen. Daher beschränkt sich du Zusammenarbeit in der Lieferkette ausschließlich auf Partner Fabriken, die mit hochmodernen Abwasserbehandlungsanlagen ausgestattet sind die das Wasser zur Wiederverwendung aufbereiten.

Die zukünftige Produktion

Am liebsten hätten wir unsere Kleidung natürlich mit ‘Made in Germany’ ausgezeichnet. Aber von dieser größtenteils unrealistischen Vorstellung haben wir uns aus den zuvor genannten Gründen ziemlich schnell verabschiedet.

Da es kaum noch Produktionsstätten in Deutschland gibt, sehen wir es als deutlich realistischer an langfristig die Produktion in Europa anzustreben – beispielsweise in Portugal – wie es auch bereits viele erfolgreiche Label tun.

Veredlung

In der Veredelung unserer Produkte war es uns wichtig nach der so langen Reise die Transportwege möglichst kurz zu halten und um so flexibel zu bleiben.

Daher sind wir froh nach langer Suche die passenden Partner – auch am Standort Münster – gefunden zu haben. Besonders froh sind wir darüber einen passenden Partner für unsere individualisierten Produkte auf Stückzahlbasis 1 gefunden zu haben, mit dem wir gemeinsam noch bedarfsorientierter produzieren können.

Accessoires

Alle unsere Mützen beziehen wir von einer deutschen Familien- und Traditionsstrickerei die bedarfsgerecht für uns produzieren kann.

Gerade im Bereich Accessoires sind wir bereits jetzt mit vielen spannenden Partnern in den Bereichen Caps und Socken im Gespräch, die ebenfalls das Label ‘Made in Germany’ tragen werden.

Mützen mit eingestickten Koordinaten gibt es bisher noch nicht

Was hat Zeitlosigkeit bzw. die Tatsache, dass ihr keine ständig wechselnden Kollektionen anbietet, mit Fairness zu tun?

Wir finden, dass jedes Kleidungsstück auch mit Respekt behandelt werden muss und glauben, dass vielen Konsumenten noch immer nicht bewusst ist, wie viel Zeit, Arbeit und Material wirklich in einem Kleidungsstück steckt. Wie viele Arbeitsschritte dafür nötig sind und durch wie viele Hände ein T-Shirt geht, bis es dann später im Laden zum Verkauf hängt.

Wir sind der Meinung, dass die vielen Hände der Produktionskette, vom Baumwollbauern, über die Spinnerei, der Färberei, bis hin zur Produktion, den Auslieferungsunternehmen und den Verkäufern fair und gerecht gegenüber getreten werden soll.

Jeder soll gerecht für seine Arbeit entlohnt werden und für jeden doch noch so kleinen Teilschritt der Produktionskette Wertschätzung erhalten.

Kleidungsstücke, die nur für eine Saison hergestellt werden und danach, sobald neue Trends auf dem Fashion Markt erscheinen, im Kleiderschrank verstauben, sind in unseren Augen nicht nachhaltig und werden von den Konsumenten unserer Meinung nach auch nicht bewusst konsumiert.

Wir legen Wert darauf, dass unsere Kleidungsstücke hochwertig produziert und zeitlos sind, da sie somit das Potential bieten über mehrere Saisons getragen zu werden.

Gerade durch den Bereich der Individualisierung glauben wir, dass wir in der Lage sind neben unserer Außenkommunikation noch mehr Bewusstsein beim Kunden zu schaffen. Letztendlich werden unsere Kunden somit in einen Teil des Produktionsprozesses integriert und erhalten eine andere „Beziehung“ zu dem Kleidungsstück indem sie selbst zum ‘Designer’ werden.

Ein anderer Vorteil der Individualisierung und Personalisierung der T-Shirts und Pullover ist, dass wir deutlich bedarfsgerechter produzieren können und auch hierdurch mehr Flexibilität als Unternehmen erreichen. Die Basic Rohlinge, können so beispielsweise auch noch für die Umsetzung weiterer Ideen verwendet werden, falls die Nachfrage nach den individualisierten Oberteilen mit Koordinaten irgendwann zurückgehen sollte.

Stichwort Lieferkettengesetz: Was haltet ihr davon? Und wie bereitet ihr euch auf die Einführung des Gesetzes vor?

Das Lieferkettengesetz ist in unseren Augen der richtige Schritt in Richtung mehr Nachhaltigkeit und somit auch Schutz für Mensch und Umwelt.

Durch das geplante Gesetz sind wir in der Lage uns von der Konkurrenz die bis dato noch keinen Wert auf Transparenz und Nachverfolgbarkeit in der Lieferkette legt abzuheben und gewinnen somit an zusätzlichen Verkaufsargumenten.

Viele Unternehmen müssen zum Umdenken gezwungen werden, damit langfristig Gerechtigkeit über die ganze Lieferkette herrscht und Mensch und Umwelt geschützt werden. Daher erscheint uns die Einführung eines Lieferketten Gesetzes als rechtlich notwendige Maßnahme.

Unsere Partner arbeiten bereits jetzt sehr transparent, werden regelmäßig von dritten geprüft und veröffentlichen in gleichmäßigen Abständen Berichte über ihre Lieferketten, Produktionsstandorte und Arbeitsbedingungen.

In der Zukunft möchten wir diese Informationen unseren Kunden noch zugänglicher und bereits vor Kauf zur Verfügung stellen und arbeiten gerade daran diese Informationen entsprechend aufzubereiten.

Bei uns als Marke liegt nun die Verantwortung in der Lage zu sein etwaige umweltschädigende oder gegen die Arbeitsbedingungen verstoßenden Produktionsverfahren in allen Phasen der Lieferkette zurückverfolgen zu können.

Eine weitere Besonderheit: Ihr spendet 5% an draußen e.v. – wie kam es dazu?

Mit der Gründung unseres Modelabels und der Namensfindung kam das Gefühl auf, dass wir unserer Heimat, bzw. der Heimat unserer Kunden etwas zurückgeben möchten. Wir wünschen uns, dass jeder einen Ort hat, an dem er sich zu Hause fühlt und diesen Ort seine Heimat nennen kann, egal wo dieser Ort auf der Welt liegt!

Ein Ort, der einem nicht nur Sicherheit gibt, sondern an dem man gerne ist und dort viele schöne Momente erlebt und somit Geschichten und Erinnerungen schreibt. Es gibt viele ehrenamtliche Organisationen, die sich für Menschen in unserer Heimat einsetzen, denen es nicht so gut geht, wie uns selbst.

Genau diese Organisationen möchten wir mit unserem Beitrag ‘5% Heimat’ unterstützen. Den Start haben wir mit dem dem Straßenmagazin draußen! gemacht. Da unsere Ideen hier vor Ort entstanden ist und unsere ersten Produkte ausschließlich mit den Münster Koordinaten versehen waren, sollte es natürlich etwas sein, mit dem sich alle Münsteraner identifizieren können. In Zukunft ist geplant, dass die Projekte, die wir mit unseren 5% unterstützen, wechseln.

Zukünftig möchten wir unsere Kunden mit in die Entscheidungsfindung einbeziehen, und deren Projektideen und Vorschläge mit einfließen lassen.

Mit richtung°heimat wollen wir ein Gefühl vermitteln und einen sozialen Beitrag leisten, nicht nur in Bezug auf eine nachhaltige Produktion, sondern auch in Bezug auf das Konsumverhalten und Bewusstsein unserer Kunden.

Ist es für euch möglich, von richtung°heimat zu leben? Anders gesagt: Lohnt sich Nachhaltigkeit & Fairness für Gründer*innen?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir noch nicht von den Umsätzen leben. Realistisch gesprochen, war das auch gar nicht unser Anspruch. Von daher sind wir ganz entspannt an die Sache herangegangen. Das liegt unter anderem auch daran, dass jeder von uns neben dem Label noch einen festen Teilzeitjob als Absicherung hat.

Unser Onlineshop ist seit Mitte diesen Jahres online. Das bedeutet, dass wir noch ganz neu am Markt sind – da gilt es unserer Meinung nach, sich erst einmal langfristig zu behaupten und weiter zu entwickeln. Nichtsdestotrotz sind wir sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf in den ersten Monaten und über die positive Resonanz zu der Idee und den Produkten.

Natürlich würden wir uns Wünschen, dass sich richtung°heimat so positiv entwickelt, dass wir irgendwann davon leben können. Das würde uns die Möglichkeit geben, uns vollständig auf die Weiterentwicklung der Marke zu konzentrieren. Aber bis dahin ist es wahrscheinlich noch ein weiter Weg.

Wir sind der festen Überzeugung, dass der Trend zu mehr Nachhaltigkeit und bewussten Konsum in Zukunft anhalten wird. Unserer Meinung nach lohnt sich Nachhaltigkeit und Fairness nicht nur, sondern wird ein zentraler Faktor in der Kaufentscheidung potentieller Kunden sein.

Das Logo von richtung°heimat hängt an der Studio-Wand

Was sind eure nächsten Schritte?

Unser langfristiges Ziel ist es den Großteil unserer Waren in Europa zu produzieren. Diese bewusste Entscheidung hat zwei Gründe. Zum einen, um Lieferketten noch transparenter zu gestalten und Lieferwege zu verkürzen. Zum anderen, um noch stärker in die Produktentwicklung einzusteigen, eigene Basic Passformen zu realisieren, Farbpaletten zu entwickeln und über Materialien zu bestimmen, die den Wünschen unserer Kunden entsprechen.

Uns ist es wichtig, dass wir auch künftig eng nach Bedarf und Nachfrage handeln.  Von daher sehen wir den engen Austausch mit unseren Kunden und der Community als wichtigen Faktor, um bereits vor der eigentlichen Produktion von Kleidung Interessen und Abnahmemengen einschätzen zu können und so nicht unnötig Sachen im Überschuss zu produzieren.

Langfristig wollen wir uns näher mit dem Thema „Make to order“ auseinandersetzen. Hierbei werden – ähnlich wie bei einer klassischen Crowdfunding-Kampagne – Produkte vorgestellt und durch die „Crowd“ finanziert. Im Falle der Modeindustrie heißt es, dass Kleidungsstücke erst produziert werden, wenn die Mindestabnahmemenge zur Produktion erreicht wurde.

Kurzfristig wollen wir uns auf unser Angebot im Bereich „Individualisierung“ und das erste anstehende Wintergeschäft konzentrieren.