Portraits & Reportagen

Maren Schenke von STUDIO AWEARE

2020 war für viele Menschen ein Jahr des Bangens um den Job oder um den Fortbestand des eigenen Unternehmens – und doch haben auch in diesem Jahr manche die Chance genutzt, sich neu zu orientieren, oder – wie im Falle von AFAUN, deren Gründer*innen ich ebenfalls getroffen habe – unbeirrt einen schon lange geschmiedeten Plan umzusetzen.  So wie auch Maren, die im März ihr eigenes Label für nachhaltige Taschen und Accessoires launchte: Ich habe die Gründerin von „STUDIO AWEARE“ gefragt, wie das erste Jahr Selbstständigkeit in Zeiten einer Pandemie war und was sie überhaupt dazu gebracht hat, sich selbstständig zu machen.

Maren Schenke Studio AWEARE

Routiniert holt Maren einige Lederhäute aus dem Regal, breitet sie auf dem großen Holztisch in ihrem Atelier aus und zeigt, worauf sie beim Zuschneiden achtet: Narben, die Abzeichnung der Wirbelsäule oder Brandmarken im Upcycling-Leder sollen möglichst nicht sichtbar werden. Mit geübten Handgriffen legt sie die Schablone an, schneidet ein Stück taupefarbenes Leder zu. Daraus wird ein „Toni Mini“ – ein kleiner Rucksack mit verstellbaren Trägern und dem minimalistischen, zeitlosen Look, der allen Produkten hier anhaftet. Der hat übrigens nicht nur etwas mit persönlichem Geschmack zu tun: Effiziente Gestaltung durch simple Styles nennt sie das. Für die kleinsten Taschen schätzt sie trotzdem etwa zwei Stunden Arbeitsaufwand. Ein großer Anteil davon geht allein in den Umgang mit den Lederverschnitten: In der Möbelmanufaktur muss sich Maren zunächst durch die Kisten mit dem Leder wühlen, das dort übrig bleibt, nach Farben und Qualitäten sortieren und später schauen: Welche Schablone passt auf welches Stück? Mit dem Zuschneiden und Nähen verbringt sie nach eigener Schätzung nur etwa die Hälfte ihrer Zeit. Die andere geht drauf für Papierkram, Website, dies und das. Und doch wirkt sie glücklich mit ihrer Entscheidung, die Festanstellung Festanstellung sein zu lassen. Aber von vorn!

Wie wollen wir arbeiten – und wie nicht?

Zu Beginn des Jahres gaben in einer Forsa-Umfrage rund 40 Prozent der befragten Arbeitnehmer*innen an, sie könnten vorstellen, innerhalb eines Jahres zu kündigen. Und wie das Meinungsforschungsinstitut Gallup herausfand, hat jede*r Sechste bereits innerlich gekündigt[i]. Die Pandemie warf für viele die Frage nach dem „wie wollen wir eigentlich leben – und wie arbeiten?“ auf. Für Maren Schenke stand aber schon vorher fest, wie sie arbeiten möchte, und wie eben auch nicht.

Es war Anfang März, also kurz vor dem ersten Lockdown, als die damals 40-Jährige ihr eigenes Modelabels launchte: Unter dem Namen „STUDIO AWEARE“, der sich aus „aware“  (bewusst) und „to wear“  (tragen) zusammensetzt, verkauft sie seither Beltbags (also Gürteltaschen, so wie sie z.B. auf dem Foto oben zu sehen sind), Umhängetaschen, Shopper, Rucksäcke, Etuis und Geldbörsen. Alle fertigt sie in ihrem Atelier im alten Stellwerk in Münster von Hand. Und wenn sie sagt, sie macht alles selbst, dann meint sie: Alle Schritte, vom Entwurf bis zum fertigen Produkt – auch die Website, das Logo, die Buchhaltung, das Sortieren der Lederhäute und das Versenden der neuen Lieblingsstücke an ihre Kund*innen.

Eigentlich wollte die Designerin schon im November 2019 loslegen, aber wie das immer so sei, brauchte es dann länger als gedacht: Angemeldet hat sie STUDIO AWEARE dann im Februar. Natürlich sei das nicht der ideale Zeitpunkt gewesen, aber Corona hätte da keinen Einfluss auf ihre Entscheidung gehabt: Sie habe sich vom ersten Lockdown als Unternehmerin auch nicht so betroffen gefühlt, da sie ohnehin auf einen Onlineshop setzen wollte und die Hoffnung hatte, dass das Thema „Nachhaltigkeit“ 2020 noch stärker in den Fokus vieler Konsument*innen rückt. Also hielt sie weiter an ihrem Plan fest.

Zuvor war Maren 15 Jahre in der Modebranche fest angestellt, war – wie sie erzählt – jedoch nie 100%ig glücklich damit. Vor fünf Jahren legte sie dann ein Sabbatical ein, lebte ein halbes Jahr in Indien und ließ sich dort zur Yogalehrerein ausbilden (Spuren davon findet man noch auf der Website von STUDIO AWEARE: „Namasté“ steht dort auf der About-Seite). Seit 2018 unterrichtet die 41-Jährige nun Gestaltungslehre und Kostümgeschichte an der Schule für Modemacher Münster. Auch auf Dauer wolle sie ihr Einkommen mit einer Mischung aus Lehre und den Einkünften von STUDIO AWEARE bestreiten, vielleicht nebenbei Yoga unterrichten. Doch letzteres kommt zurzeit nicht in Frage. Während Yogastudios im zweiten Lockdown wieder schließen mussten, boomt zumindest der Onlinehandel[ii].

Als ich sie Anfang Dezember zum ersten Mal anrufe, werkelt sie gerade in ihrem Atelier: „Hier werd ich vermutlich die nächsten drei Wochen 24h verbringen“, konstatiert sie. Denn im Moment hat Maren alle Hände voll zu tun; sie hatte das Weihnachtsgeschäft doch ein wenig unterschätzt…

Als ich sie einige Tage später in ihrem Atelier im Alten Stellwerk – einem alten Bahngebäude, das sich zwischen der Wolbecker und Warendorfer Straße befindet – besuche, ist es kurz nach drei. Dort im ersten Stock brennen mehrere Lampen, ein Dutzend Beltbags und Handytschen zieren die Wand des Ateliers – alles Weihnachtsbestellungen. Die bringt sie abends dann selbst zur Post, die letzten Bestellungen innerhalb von Münster will sie nächste Woche wenn nötig persönlich ausliefern. Angespannt wirkt sie trotzdem nicht. Ich frage sie, wie sie sich selbst sieht, ob sie eine dieser super kreativen, aber latent gestressten Gründerinnen ist: „Mmmh, ich würde tendenziell sogar eher sagen chaotisch, ein spontanerer Typ“. Das flexible und selbstorganisierte Arbeiten sieht sie dabei als Vorteil der Selbstständigkeit: Wenn sie mal keine Lust oder Energie hat, kann sie morgens erstmal nur ihre Mails beantworten oder sich mit ihrer Schwester treffen. Und wenn es nötig ist, eben auch mal bis spät abends arbeiten. Doch das ist nicht der einzige Grund für den Schritt in die Selbstständigkeit.

Mit STUDIO AWEARE möchte die Designerin auch einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten: In dem Atelier, das sie sich mit Alexandra Nettels von „Freudenreich“ teilt, hängt ein „who made my clothes“ Poster – der Slogan der Fashion Revolution Week, die jedes Jahr an den Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza im Jahr 2013 erinnert.

Dass Nachhaltigkeit für viele Kund*innen bei der Kaufentscheidung eine immer größere Rolle spielt, glaubt nicht nur Maren: „Wir sind der festen Überzeugung, dass der Trend zu mehr Nachhaltigkeit und bewussten Konsum in Zukunft anhalten wird. Unserer Meinung nach lohnt sich Nachhaltigkeit und Fairness nicht nur, sondern wird ein zentraler Faktor in der Kaufentscheidung potentieller Kunden sein.“ meint auch Simon Janssen, der dieses Jahr zusammen mit einer Schulfreundin das Münsteraner Fair Fashion Label richtung°heimat gründete. Und Horst von Buttlar schreibt in Capital Extra: „Wer keine Nachhaltigkeitsstrategie hat, hat ein Loch in seiner Strategie“[iii].

Darauf, dass die Corona-Krise den Nachhaltigkeitstrend pusht, deuten auch die Google Trends für das Thema „Nachhaltigkeit“ hin: Anfang Dezember erreichten die Suchanfragen ihren Höchststand. Seit 2018 lässt sich ein enormer Anstieg beobachten, im Laufe des Jahres 2020 sind die Anfragen nach einem kurzen Einbruch im März weiterhin gewachsen.

Lesetipp: Damit, ob Corona ein Game Changer für die Modeindustrie war und ist, befasst sich auch das „Fairlier Corona Update“, für das auch ich befragt wurde.

Lederverschnitte einer Möbelmanufaktur
Die Designerin arbeitet mit Verschnittresten einer Möbelmanufaktur

Für ihre Beltbags, Geldbörsen und Rucksäcke verwendet die Designerin Verschnittreste von Lederhäuten, die in einer lokalen Möbelmanufaktur anfallen. Danach hat sie bewusst gesucht: Maren wollte als Material etwas, das nachhaltiger ist als die Materialien, die in der konventionellen Modeindustrie verwendet werden, denn dort hat sie lange genug gearbeitet. Als sie davon erzählt, klingt sie nicht besonders begeistert. Die Gründerin findet es problematisch, was unser Konsum mit unserer Welt anrichtet, sagt, sie konnte das so nicht mehr unterstützen. Jobbedingt war sie mehrmals in Indien und China, hat dort auch Produktionsstätten besucht. In Konsequenz stellt sie die Produkte von STUDIO AWEARE nun in Handarbeit selbst her: „Mit Liebe von mir designed und individuell von Hand in Deutschland gefertigt.“, so steht es im Onlineshop des jungen Labels.

Bisher finden Kund*innen sie vor allem über diesen oder werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf ihre Produkte aufmerksam: „Sehr viele Leute, die ich kenne, haben mittlerweile Sachen von mir“. Dieses Jahr fielen verschiedene Veranstaltungen aus, die es ihr ermöglicht hätten, ein noch breiteres Publikum zu erreichen, zum Beispiel der Designgipfel. Trotzdem ist sie guter Dinge, glaubt an ihr Konzept und betont, dass sie ganz optimistisch ins nächste Jahr Blicke, denn die Resonanz sei ja auch bisher gut gewesen. Als ich um kurz vor vier das Atelier verlasse, sagt sie, sie habe das Richtige getan, auch wenn es finanziell nicht so sicher sei wie eine Festanstellung. Maren wirkt dabei so, als tue sie unbeirrt genau das, was sie tun muss: Sich selbst verwirklichen und nebenbei ein bisschen die Welt retten.

STUDIO AWEARE Logo
Neuerdings kann Maren ihre Taschen mit dem Logo von STUDIO AWEARE versehen

Quellen

[i] Neue Narrative #10: Macht das bedingungslose Grundeinkommen mutig?

[ii] BundesPressePortal: Onlinehandel 2020 rechnet mit Umsatzwachstum; Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft: Online-Handel in Deutschland boomt

[iii] Capital Extra – the green edition, Nr. 1 Oktober 2020: Editorial