„Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt“ singen die Ärzte.

Aber stimmt das? Eine Suche nach Verantwortlichen für die Erderhitzung, eine mögliche Antwort auf die Frage, inwieweit es überhaupt möglich und sinnvoll ist, selbige zu benennen, und ein Wutausbruch.

Grüner Konsum Collage

Seit Jahren spielen wir Verantwortungs-PingPong, wenn es um die Klimakrise geht. Die Politik sagt meistens, sie setzte auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Unternehmen. Das klappt in vielen Fällen nicht und die Unternehmen sagen dann meistens, die Verbraucher*innen bestimmen, was auf den Markt gebracht wird. In einem Werbespot der Rügenwalder Mühle mit dem Titel „Ode an den Einkaufszettel“ säuselt uns der Sprecher zum Beispiel ins Ohr: „Ein Einkaufszettel kann eine Menge bewirken. Er kann der Schmetterling sein, der einen Taifun auslöst. Die Botschaft, die ankommt, und gehört wird, und die aus denen da oben, die eh nix tun die macht, die ganz schnell eine Menge tun“. Wir finden das empowernd und feiern daher jede noch so kleine Veränderung im Kühlregal unter dem Motto „Mein Kassenzettel ist mein Stimmzettel“. Doch mit grünem Konsum die Welt retten – ist das nicht auch nur ein kapitalistisches Narrativ oder eine wirkliche Chance!? Kapitalistisch, weil es diejenigen bevorzugt und die Macht derjenigen festigt, die Geld haben. Anders gesagt: Wollen wir wirklich, dass Personen mit geringer Kaufkraft weniger Stimmrecht haben?

Grüner Konsum als kapitalistisches Narrativ

Wenn man sich seit Jahren mit den eigenen Konsumgewohnheiten auseinandersetzt, merkt man vielleicht irgendwann, dass kritischer Konsum zwar wichtig, aber nicht die ultimative Lösung für die Klimakrise ist. Die Erde erhitzt sich trotz all der Erfolge der Zero Waste- und Fair Fashion-Szene munter weiter, und deshalb braucht es größere Hebel: Wir wenden uns also wieder an die Politik. Die reagiert dann mit Aktionstagen oder Kampagnen, in denen sie Bürger*innen darüber aufklärt, wie man einen Kühlschrank richtig einräumt oder dass man Klamotten am besten auf der Leine trocknet. Abgerundet wird das Ganze von dem Appel, die besten Reste-Rezepte in der eigenen Instastory zu teilen oder drei weiteren Personen von dem „Bürgerpakt“ zu erzählen. So können viele kleine Schritte also doch Großes bewirken – oder etwa nicht? Wenn alle Bürger*innen in Münster mitmachen und ihre Alltagsgewohnheiten verändern, dann könnten wir schon 25 % der CO2-Emissionen einsparen, heißt es auf der Website der Stadt Münster. Wait, what?! Nur 25%? Auf die aktuell rund 312.000 Einwohner*innen Münsters aufgeteilt beträgt mein potentieller Anteil am Münsteraner Klimaschutz dann gerade mal ca. 0,00008%. Ja, richtig gelesen. Denn anders als oft kommuniziert, hängt eben gar nicht alles an uns als Konsument*innen.

„[W]er den Konsum kritisiert, die zugrundeliegenden Verhältnisse aber unangetastet lässt, versagt sich jedem kritischen Gedanken und wird letztlich gar nichts verändern. Denn in einem System, das ewiges Wachstum erzwingt, ist der private Konsum nebensächlich.“ schreibt auch David Luys in seinem Artikel „Die Chancen auf Systemwandel im Kleinen: Konsumkritik als Placebo“ in der taz. Er meint sogar, konkreten Konzernen vorzuwerfen, sie würden das Klima verpesten und seien somit schuld am Klimawandel, wäre verkürzt und nicht sinnvoll – es brauche eben einen Systemwandel.

Während ich also brav meine Marmelade aus gerettetem Obst koche, werden anderswo nicht revidierbare Fakten geschaffen: Der Dannenröder Wald sollte 2020 einer Autobahn weichen und der Teutoburger Wald soll Platz machen für eine Erweiterung eines Steinbruchs zum Kalkabbau – obwohl auch von Seiten der Politik immer wieder die Bedeutung von Wäldern beim Klimaschutz betont wird und eigentlich allen längst klar sein dürfte, dass wir auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht immer und immer mehr konsumieren können.

Während ich beherzt mein eigenes Gemüse anbaue, werden Großkonzerne zwecks Imagepflege nicht müde zu unterstreichen, wie sehr ihnen unsere Umwelt am Herzen liegt und dass man mit ihren Produkten aktiv einen Beitrag zu einer lebenswerten Zukunft leistet. Um eins an dieser Stelle noch mal in aller Deutlichkeit auszusprechen: Wir können uns die Welt nicht grün konsumieren, egal wie sehr Werbetexter*innen uns das weismachen wollen. Es ist großartig, dass es inzwischen eine breite Auswahl an Fair Fashion gibt und dass immer mehr vegane Produkte unsere Kühlregale füllen. Wer das Geld hat, soll gerne weiterhin zu diesen Alternativen greifen. Am meisten spart man aber immer noch mit dem nicht-Kaufen. Im Falle eines einzelnen Shirts zum Beispiel bis zu 15.000 l Wasser und 7 kg CO₂ – deutlich mehr, als man aktuell mit umweltfreundlichen Materialien und innovativen Färbetechniken überhaupt sparen könnte.

Und während mich beim Radfahren von allen Seiten Plakate mit eben solchen „grünen“ Werbebotschaften anspringen, stellt Oxfam fest, dass allein die reichsten 1% (ca. 63 Millionen Menschen) zwischen 1990 und 2015 für über 15% der Gesamtemissionen verantwortlich waren – das entspricht  9% des Kohlenstoffbudgets und damit mehr als dem Doppelten der Emissionen der ärmsten 50%. Und: Gerade mal 100 Firmen sind laut dem Carbon Majors Report von 2017 für 71% der industriellen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich – darunter auch BP (zu BP kommen wir übrigens gleich noch!).

Trotzdem wird seit Jahren immer wieder gerne an das Verantwortungsbewusstsein des kleinen Mannes oder der kleinen Frau appelliert (ähnlich funktioniert es mit #supportyourlocals – I mean, shoppen als patriotische Pflicht während einer Pandemie?!), während die Politik sich mit so wichtigen Dingen befasst wie dem Mindestzuckergehalt von Limonaden. Dabei regelt der Markt doch sonst immer alles von selbst, dachte ich?!

Dieses Zuschieben von Verantwortung könnte man als „Discourse of climate delay“ einstufen. Diese „Diskurse der Klimaverzögerung“ wurden von Wissenschaftler*innen in vier Gruppen geteilt: (1) Verantwortung umleiten; (2) nicht-transformative Lösungen pushen (3) die Nachteile der Klimapolitik hervorheben; (4) sich dem Klimawandel ergeben. Das Umleiten von Verantwortung wollen wir uns jetzt mal am Beispiel von BP anschauen.

„Blame Shifting“ & Individualismus

Fußabdruck-Rechner kommen erst mal als Spielerei mit dem netten Nebeneffekt der Aufklärung über den Zusammenhang zwischen bestimmten Praktiken und dem Klimawandel daher: Wie viele Planeten verbraucht dein Konsumverhalten, wie viel CO2-Äquivalent emittiert dein Lebensstil, wie groß ist dein Sklaven-Fußabdruck? – Je kleiner, desto besser natürlich.  Allerdings könnte man diese auch kritisch sehen, trägt so ein ermittelter Fußabdruck doch dazu bei, dass sich Menschen auf individueller Ebene womöglich stärker in der Verantwortung für die Rettung des Klimas sehen – der Idee folgend, dass der Verbrauch von Plastik und fossilen Brennstoffen und nicht die durch Subventionen und Marktlogik angekurbelte Produktion die Wurzel des Problems sei. Ein gutes Beispiel für eine Absurdität, die durch bestimmte Regelungen entstehen kann: Zu Beginn der Pandemie flogen Passagierflugzeuge leer, um keine Zeitfenster zu verlieren.

Prinzipiell ist es ja nicht schlecht, ein Bewusstsein für die Auswirkungen unserer Konsumgewohnheiten zu schaffen. Wenn ebendiese Rechner jedoch von Unternehmen angeboten werden, die das Gegenteil von nachhaltig sind, davon aber gerne ablenken wollen, wird es problematisch, wenn ihr mich fragt. Denn damit wird mir etwas zugeschrieben, das ebenfalls auf das Emissions-Konto des Unternehmens gehen könnte – Strom aus nicht-erneuerbaren Quellen zum Beispiel. Und: Je mehr ich damit beschäftigt bin, meinen eigenen Fußabdruck zu perfektionieren, desto weniger Zeit habe ich, mich für eine strengere Klimapolitik zu engagieren und damit die Handlungsspielräume derjenigen Unternehmen einzuschränken, die mir mit ihren Rechnern eine „nette Hilfestellung“ anbieten wollten.

Solche Schuldverschiebungen finden oft eher subtil statt. 2004 stellte BP zum Beispiel seinen „Carbon Footprint Calculator“ vor und resümiert später: „Unsere Kampagne ‚Kenne Deinen CO2-Fußabdruck‘ hat erfolgreich eine Erfahrung geschaffen, die es den Menschen nicht nur ermöglichte, ihre jährlichen Kohlenstoffemissionen zu entdecken, sondern ihnen auch eine unterhaltsame Möglichkeit gab, darüber nachzudenken, sie zu reduzieren – und ihr Versprechen mit der Welt zu teilen“. Tatsächlich gilt die PR-Kampagne als eine der erfolgreichsten überhaupt; das Konzept ist in der Grünen Insta-Bubble weit verbreitet. Auch von nachhaltigen Unternehmen werden Fußabdruckrechner inzwischen fürs Marketing instrumentalisiert, nach dem Motto „berechne jetzt deinen Fußabdruck und wir [hier nachhaltiges StartUp einsetzen] schenken dir XY% Rabatt auf deinen nächsten Einkauf, mit dem du diese Welt noch besser machen wirst“. Deshalb habe ich beschlossen, solche Rechner vorerst zu boykottieren.

Es bleibt die Frage, warum wir trotzdem so sehr auf individuelle Lösungen und unserer Macht als Konsument*innen beharren – weil wir uns nicht ohnmächtig fühlen wollen, wenn ein Wald trotz unserer Protestmails gerodet wird? Oder weil wir glauben, keine politischen Lösungen einfordern zu dürfen, solange wir selbst noch ein Auto besitzen?

Ad hominem: Unrealistische Ansprüche an Klimaaktivist* innen

Man kann Teil des Systems sein und trotzdem das System kritisieren
– Mia Marjanovic auf Fashion Changers

Auch sehr beliebt ist folgende Strategie: Wenn ich mehr Klimaschutz von der Politik fordere, wird mir erst mal die Rückfrage entgegengeschmettert, was ich denn so ganz konkret in meinem Alltag fürs Klima mache. Denn oft wird uns vermittelt, dass man solche Forderungen erst stellen darf, wenn man den Plastikmüll eines Jahres in ein Weckglas quetschen kann, sich zu 100% vegan ernährt und natürlich ausschließlich Second Hand shoppt – ansonsten sei das alles bloß Heuchelei. Ich halte das für Quatsch. Denn bis ich meine Tofu-Verpackungen in ein Weckglas quetschen kann, haben eingangs erwähnte Großkonzerne dank immer niedriger Steuern, schwacher Lieferkettengesetze und absurder Marktlogik unser verbleibendes Kohlenstoffbudget für das 1,5° C-Ziel vermutlich längst aufgebraucht. Laut Oxfam bleiben uns noch etwa 10 Jahre: Wenn die Emissionen nicht rapide sinken, wird dieses globale Kohlenstoffbudget bis 2030 vollständig erschöpft sein. Die Ungleichheit dabei ist übrigens so groß, dass die reichsten 10% allein es nur wenige Jahre später vollständig erschöpfen würden, selbst wenn die Emissionen aller anderen morgen auf Null sinken würden.

„Und nicht nur, dass wir diesen Unternehmen mehr oder weniger blind vertrauen, wir überlassen ihnen auch, dass sie per Lobbyarbeit viel mehr Einfluss auf unsere Politiker*innen nehmen als die Menschen, in deren Auftrag sie eigentlich handeln sollten.“ kritisiert Sebastian Klein im alternativen Wirtschaftsmagazin Neue Narrative.

Und das ist der Knackpunkt, denke ich. Schauen wir uns den Einleitungs-Satz „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es wär nur deine Schuld wenn sie so bleibt“ noch einmal genauer an: War damit wirklich das Kaufen von festem Shampoo, teuren Leinen-Blusen oder veganem Schnitzel gemeint? Wohl weniger, denn wer den Song kennt, weiß schon, wie es weiter geht: „Nein – geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren. / Denn wer nicht mehr versucht zu kämpfen, kann nur verlieren! / Die Dich verarschen, die hast Du selbst gewählt. / Darum lass sie Deine Stimme hören, weil jede Stimme zählt“. Das heißt, es ist an dir, dich politisch einzubringen. Durch das Unterschreiben von Petitionen, das Versenden von Protest-Mails, das Teilnehmen an Demos (sofern aktuell möglich), das Wählen entsprechender Parteien, das Stellen einer Anregung an deine Stadt oder das Mitwirken in NGOs, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ich meine: Auch wenn grüner Konsum eine feine Sache ist für diejenigen, die es sich leisten können, müssen wir aufhören, uns einzig und allein an diese trügerische Hoffnung unserer „Macht als Konsument*innen“ zu klammern und nach weiteren Lösungen suchen – auch wenn das im ersten Moment unbequem ist. „Habt Mut zur Angst“ rät Katharina van Bronswijk von den Psychologists for Future in einem Interview, das ich mit ihr über Klimaangst geführt habe. Ich finde, der Satz passt auch hier sehr gut.

Es nützt niemandem etwas, wenn du dich fertig machst, weil du im Halbschlaf heute Morgen den Biomüll in die Restmülltonne gekippt hast, wenn du deine Mitbewohnerin anpampst, weil die mal wieder vergessen hat, das Licht auszumachen, oder wenn du mit deiner Familie brichst, weil die immer noch Hackfleisch essen. Es gilt, eine gesunde Balance zu finden zwischen dem Hinterfragen eigener Konsumgewohnheiten, dem zur-Verantwortung-ziehen der Hauptverursacher der Klimakrise und, most importantly: dem Ändern der Rahmenbedingungen. Denn alleine können wir die Erderhitzung ja ohnehin nur zu 0,00008% (und das gemessen an den Klimazielen einer mittelgroßen Stadt) aufhalten.

Quellen