Biodiversität ist ein Ausdruck des Gesundheitszustands unseres Planten. Prinzipiell gilt: Je größer die biologische Vielfalt ist, desto stabiler und gesünder sind Ökosysteme. Dass es um die vielerorts nicht besonders gut bestellt ist, wissen wir. Auch vom Insektensterben werden die meisten schon gehört haben. Der Begriff bezeichnet den Rückgang der Zahl bzw. der Insekten und der Artenzahl von Insekten in einem bestimmten Gebiet.

Der WWF stellt fest: Ohne Bienen wären die Regale in unseren Supermärkten leer. Ungefähr ein Achtel der für die Menschen wichtigsten pflanzlichen Agrargüter hängt laut Böll-Stiftung in sehr hohem Maße von Bestäubern ab.

So gibt es in Europa laut Nabu etwa zehn Prozent weniger Bienen als noch vor einigen Jahren, in den USA ist ein Rückgang von 30 Prozent zu verzeichnen. Wo Bienen bereits ausgestorben sind – z.B. in Teilen Japans oder Chinas – müssen Obstbäume von Menschenhand bestäubt werden – mit einem Pinsel, Blüte für Blüte. Das Insektensterben ist für uns Menschen also mit hohen Kosten verbunden.

Umso problematischer ist das Insektensterben.

Die industrielle Landwirtschaft stellt durch den Einsatz von Pestiziden und durch monotone Landschaftsstrukturen eine der größten Bedrohungen für Insekten dar. Beim Schutz der Insekten muss die Landwirtschaft deshalb Teil der Lösung werden. Auch weniger Fleischkonsum schützt laut Böll-Stiftung Insekten, denn das Sojafutter für die intensive Tierhaltung stammt oft aus südamerikanischen Staaten, die dafür artenreiche Landschaften in Monokulturen verwandeln.

Der Nabu hat nun außerdem ein Projekt gestartet, in dem es um regionale Wildpflanzen für Insekten geht. Dazu habe ich Ortrun und Dietrich von der NABU-Naturschutzstation Niederrhein interviewt.

Das Thema Insektensterben ist vielen bekannt, trotzdem geschieht bislang sehr wenig. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Dietrich: Es passiert durchaus einiges, das ist nicht zu übersehen. Aber gemessen an dem immensen Nachholbedarf eben doch nicht soooo viel. Dazu kommt, dass viele Gefährdungsursachen fast unverändert weiterbestehen.

Zum Beispiel…?

Ortrun: Intensive Landwirtschaft, Austrocknung der Landschaft, Düngung…

Insektenhotels kennt inzwischen fast jede*r. Aber ihr hattet eine andere Idee – erzählt doch mal…

Ortrun: Ja, Insektennisthilfen und Blühmischungen – also Saatgut – sind groß in Mode. Aber nicht immer funktionieren Saatgutmischungen oder man hat gar nicht so viel Platz. Dann ist die Enttäuschung natürlich groß. Mit fertigen Wildpflanzen ist alles viel einfacher. Sehen, kaufen, einpflanzen, schööön und nützlich. Egal ob man nur einen Balkonkasten bepflanzen möchte oder ein Beet. In der freien Landschaft wird die Fläche für Wildpflanzen immer geringer und damit fehlen immer mehr Nahrung, Nist- und Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten.

Was sind das für Pflanzen, hast du ein Beispiel?

Dietrich: Z. B. der Wiesen-Pippau, eine schöne, hohe Staude, die früher in sehr vielen Wiesen wuchs. Die Blüten erinnern ein wenig an Löwenzahn, mit dem der Pippau ja verwandt ist, und sind sehr beliebt bei kleinen Wildbienen und Käfern oder die Heide- und die Karthäuser-Nelke, beliebt bei Schmetterlingen und Schwebfliegen.

Und weshalb sind regionale Wildpflanzen für Insekten besser als Kulturpflanzen?

Ortrun: Blüten und Insekten haben sich über Jahrtausende aufeinander abgestimmt entwickelt. Die Pflanzen wollen bestäubt werden, die Insekten benötigen Nahrung für sich und ihre Brut. Neben den Insekten wie z.B. der Honigbiene, die an fast allen Blüten Nektar und Pollen findet. gibt es die vielen heimischen Insektenspezialisten, deren Mundwerkzeuge so ausgebildet sind, dass sie nur in bestimmte Blüten passen.

Manchmal ist es auch gar nicht die Blüte, die so wichtig ist, sondern manche Schmetterlingsraupen z.B. benötigen die Proteine, die sie im Stängel oder den Blättern finden.

Wie seid ihr überhaupt darauf gekommen, solche Wildpflanzen in die Gärten, auf die Balkone und Terrassen holen zu wollen?

Dietrich: Ganz banal: Es fiel uns schwer, insektenfreundliche Blumen im Handel zu finden. da dachten wir, anderen muss es doch ähnlich gehen. Und wenn die Gärtnereien nicht von alleine auf die Idee kommen, helfen wir eben nach, damit es etwas schneller geht.

Ihr wollt also Gärtnereien für die Produktion von fertiggezogenen, regionalen Wildpflanzen gewinnen. Gibt es schon erste Partner*innen? Und wie kann ich die Gärtnerei meines Vertrauens dafür sensibilisieren?

Ortrun: Ja, wir haben bereits eine erste Gärtnerei gefunden, die nach anfänglicher Skepsis genauso von den regionalen Wildpflanzen begeistert ist wie wir. Aber wir suchen noch viele weitere. Sprich deine Gärtnerei ruhig an. Begeistere sie für unsere heimische Natur. Sag, dass die Zeit reif ist für diese Produktlinie und die Kunden*innen schon lange darauf warten, etwas gegen das Artensterben und für die Artenvielfalt zu tun. Die Pflanzen sind robust und pflegeleicht, brauchen keine Pflanzenschutzmittel und keinen Dünger. Und die Gärtnerei deines Vertrauens darf sich sehr gern an uns wenden, damit wir weitere Informationen liefern.

In einigen Gärten wachsen die Pflanzen schon. Konntet ihr dort Veränderungen beobachten, die ihr auf die Wildpflanzen zurückführen würdet?

Dietrich: Ich gehe seither mit ganz anderen Augen durch den Garten! Das ist schon eine große Veränderung.

Was die Insekten angeht, sehe ich schon einen Unterschied zu bestimmten Gärten oder auch Parks, in denen das Thema Insektenschutz noch nicht angekommen ist. Aber es ist auch zu sehen, dass es eine gewisse Mindestmenge an Natur braucht um wirklich zu wirken. Wenn da ein paar Gärten in einem Viertel bunter werden, dann ist das schon zu merken.

Ortrun: … Mein noch vor Jahren kurzgeschnittener Rasen ist jetzt eine Wildblumenwiese, in die ich die regionalen Wildpflanzen gepflanzt habe. Das hat etwas Mut erfordert, aber jetzt ist es echt ein Hingucker und mittlerweile finde ich die kurz geschnitten Rasenflächen langweilig und öde. Und ich habe Wildbienen entdeckt, die gegen andere Wildbienen kämpfen, um ihr Blütenrevier zu verteidigen.

Zuletzt: Was müsste sich in Sachen Insektensterben politisch tun, zum Beispiel in den Kommunen? Und was müsste sich in (landwirtschaftlichen) Betrieben ändern? Sind Blühstreifen am Feldrand eine gute Idee?

Dietrich: Kommunen haben eine wichtige Rolle: Sie haben große Flächen und sie sind Vorbild. Außerdem können sie viel für die Durchgrünung der Stadt erreichen, z. B. indem sie die Begrünung von Fassaden oder von Flachdächern fördern, Parks naturnäher gestalten, Verkehrsflächen minimieren, Gewässerufer naturnah gestalten und vieles mehr. Wenn die Kommune für mehr Natur in der Stadt sorgt, finden die Insekten auch leichter den Weg in einen einzelnen Garten oder auch ein einzelnes Blumenbeet aus Wildstauden.

Ortrun: Die ganze Agrarpolitik müsste reformiert werden. Wollen wir wirklich Massentierhaltung und Monokulturen, deren Erträge durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gesteigert werden, die wir dann wieder „frisch auf den Tisch“ bekommen? Lebensmittel müssen wertvoller werden, also mehr kosten, damit die Landwirte auch gut davon leben können. Es muss sich lohnen biologische Landwirtschaft zu betreiben. Die Landschaft muss wieder strukturreicher werden, wir benötigen Hecken, Wiesen und weitere Strukturen, die Lebensraum für unsere vielen heimischen Arten bieten.

Dietrich: Blühstreifen sind im Prinzip eine gute Sache. Allerdings waren vor allem in der Anfangszeit viele eher auf das menschliche Auge ausgerichtet als auf die Bedürfnisse der Insektenwelt. Also: Blühstreifen sollten vor Allem aus heimischen Arten bestehen, mindestens fünf Meter breit sein und idealerweise an einem Gewässer, einer Hecke, einem Waldrand oder einer anderen naturnahen Struktur liegen, das erhöht die Wirkung nochmals. Und sie sollten über mehrere Jahre bestehen, damit die Überwinterung auch gesichert ist.

Ortrun: Wir alle können unseren Beitrag leisten. Und sei es damit, den Balkonkasten oder das Beet mit regionalen Wildpflanzen zu bestücken.

Transparenz

Bei den auf den Fotos zu sehenden Pflanzen handelt es sich um PR-Samples, die mir freundlicherweise vom Nabu zur Verfügung gestellt wurden