„What do we want?“ – „climate justice!“ – jede*r, der*die schon mal auf einer Klima-Demo war, kennt diesen Satz. Doch was genau fordern wir, fordert die Klimabewegung da eigentlich, wenn wir von Klimagerechtigkeit reden? Und kann man überhaupt von „der einen Klimabewegung“ sprechen, oder gibt es da je nach Region vielleicht auch Unterschiede?

Klimagerechtigkeit einfach erklärt + Podcast-Tipp

Ist die Klimakrise ungerecht?

Die kurze Antwort: Ja. Die lange?

Der afrikanische Kontinent stößt weltweit am wenigsten Kohlenstoff aus, ist aber am stärksten von der Klimakrise betroffen.

Vanessa Nakate, Klimaaktivistin

Allgemein bedeutet das, dass unter den Folgen der Erderhitzung besonders diejenigen Regionen und Bevölkerungsgruppen leiden, die am wenigsten für diese verantwortlich sind. Das sind nicht nur Personen im Globalen Süden, sondern zum Beispiel auch Personen mit geringem Einkommen oder Frauen. Oder Frauen mit geringem Einkommen, die im Globalen Süden leben. Wie genau sieht das aus? Ein paar Beispiele:

  • Ganz generell: In heißen Ländern sind ärmere Haushalte eher höheren Temperaturen ausgesetzt als reichere
  • Von extremen Wetterbedingungen bis hin zum steigenden Meeresspiegel haben die Auswirkungen des Klimawandels oft unverhältnismäßige Auswirkungen auf historisch marginalisierte – also benachteiligte – Gemeinschaften
  • In den USA wohnen beispielsweise Schwarze Personen oft in Stadtteilen, denen der Zugang zu Investitionen historisch verweigert wurde. Dort sind sie Temperaturen von bis zu 7° C heißer ausgesetzt als Personen, die in anderen Stadtvierteln derselben Stadt leben, in denen es beispielsweise mehr Grünflächen gibt
  • Und in Indien – einem Land, in dem möglicherweise als erstes Hitzewellen auftreten, die die Überlebensgrenze für eine gesunde Person übersteigen – sind Beschäftigte in Sektoren wie Landwirtschaft und Baugewerbe den Folgen der Erderhitzung besonders stark ausgesetzt
  • Obwohl die Menschen in El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua – den Partnerländern der CIR – nur für einen Bruchteil der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, wird ihre Lebensgrundlage durch Extremwetterereignisse, lange Dürreperioden und Ernteausfälle besonders bedroht
Klimagerechtigkeit Podcast

Doch bevor nun der white saviorism durchkommt: Genau dort setzen sich vermehrt junge Menschen für mehr Klimaschutz ein. Die Rahmenbedingungen sind dort aber andere – dementsprechend unterscheiden sich auch die Perspektiven auf die Klimakrise von denen der die Klimaaktivist*innen in Deutschland. Doch dazu gleich mehr.

Fassen wir erst noch mal zusammen:

Was bedeutet denn nun Klimagerechtigkeit?

In der Klimakrise spiegeln sich […] alle Ungerechtigkeiten, die es sonst auch gibt: Rassismus, aber zum Beispiel auch Sexismus

Imeh Ituen, Sozialwissenschaftlerin

Faktoren wie Gender, soziale Klasse, Alter oder Behinderung wirken sich zudem oft auf die Möglichkeit aus, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Man könnte deshalb auch auch sagen: Das Voranschreiten des menschengemachten Klimawandels vertieft schon bestehende Ungleichheiten. Es sitzen eben nicht alle im selben Boot. Die Erderhitzung ist folglich nicht nur ein ökologisches Problem, sondern auch ein Gerechtigkeitsproblem – sowohl in der Entstehung als auch in der Lösung.

„Klimagerechtigkeit“ ist ein Begriff bzw. eine Bewegung, die genau das anerkennt: Dass der Klimawandel unterschiedliche soziale, wirtschaftliche, gesundheitliche und andere negative Auswirkungen auf weniger privilegierte Bevölkerungsgruppen haben kann und hat. Wenn wir über Klimaungerechtigkeit sprechen, dann geht es also in erster Linie um die Menschen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer oder mehreren gesellschaftlichen Gruppen überproportional die negativen Auswirkungen der Erderhitzung erleben.

Doch oft reden wir nur über sie und nicht mit ihnen. Shayli Kartal kritisiert diese Idee des Stimme Leihens oder Bühne Gebens in einem Kommentar und erklärt: „Neben den Ländern bekommen auch die Menschen dieser Regionen eine passive Rolle ohne Handlungsmacht zugeschrieben, aus der sie sich nur mit Hilfe von außen befreien können“.

Podcast über Klimagerechtigkeit

Der Podcast „Klima? Gerecht!“ will das nun ändern, indem er globale Perspektiven auf die Klimakrise eröffnet.

CIR-Podcast „Klima? Gerecht!“ eröffnet globale Perspektiven auf die Klimakrise

Dort kommen Aktive der Klimabewegung aus El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua – den Partnerländern der CIR – und Deutschland ins Gespräch und tauschen sich darüber aus, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten es in ihren Ländern gibt, sprechen über ihre politischen Forderungen und über Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Ländern des Globalen Südens und Nordens:

  • Inwiefern sind die Folgen der Erderhitzung spürbar?
  • Welchen Stellenwert hat das Thema im gesellschaftlichen und im politischen Diskurs?
  • Wie kann Aktivismus aussehen und woher kommt die Motivation dafür?
  • Wie können wir zusammen Ideen für eine klimagerechte Zukunft entwickeln?

Im Rahmen der Kampagne „Game On – Don’t let climate change end the game“* organisiert die CIR diesen digitalen Austausch zwischen jungen Menschen der Klimabewegung aus mittelamerikanischen Ländern und aus Deutschland – reinhören lohnt sich! Die Gespräche sind auf allen üblichen Podcast-Plattformen sowie auf der Website der CIR verfügbar.

Podcast über Klimagerechtigkeit von der Christlichen Initiative Romero im Rahmen der "Game On"-Kampagne der EU

*Das Projekt wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union ermöglicht.

Quellen (zum Ausklappen hier klicken)

50 Jahre Earth Day – Interview mit Klimaaktivistin Vanessa Nakate › ze.tt

Klimage­rechtig­keit und Feminismus: One struggle, one fight! – taz.de

What is ‚climate justice‘? » Yale Climate Connections

J. Park, M. Bangalore, S. Hallegatte and E. Sandhoefner. (2018). Households and heat stress: estimating the distributional consequences of climate change. Environment and Development Economics.
(zitiert nach Oxfam (2020). Confronting carbon Inequality)

J.S. Hoffman, V. Shandas and N. Pendleton. (2020). The effects of historical housing policies on resident exposure to intra-urban heat: A study of 108 US urban areas. Climate, 8(1):12.
(zitiert nach Oxfam (2020). Confronting carbon Inequality)

M. Jena. (2020, 7 September). India’s Outdoor Workers on the Frontlines of Climate Change. Inter Press Service. (zitiert nach Oxfam (2020). Confronting carbon Inequality)

Forscherin über Klimakrise und Rassismus: „Nicht alle sitzen im selben Boot“ – taz.de

Koloniale Strukturen in der Bewegung: Wir müssen keine Stimme „leihen“ – taz.de