Die Fashion Revolution Week steht vor der Tür. Deshalb solltest du dieses Jahr hinterfragen, welche Fakten dir präsentiert werden.

Manche Behauptungen, Zahlen und „Fakten“ zur Modeindustrie halten sich auf Social Media hartnäckig. Jedes Jahr – spätestens zur Fashion Revolution Week im April – werden sie wieder rausgekramt und von Aktivistinnen, Fair Fashion Geschäften, Influencern und NGOs geteilt. Sicherlich habt auch ihr schonmal gehört, dass die Modeindustrie die zweitschmutzigste Industrie der Welt sei, dass Baumwolle „durstig“ sei und man 2700 Liter Wasser für die Herstellung eines T-Shirts benötige, oder dass 18% aller Pestizide weltweit im Baumwollanbau eingesetzt würden. Diese Sätze sind schockierend, catchy und die Zahlen klingen erstmal glaubwürdig. Auch ich habe einige dieser „Fakten“ bereits auf Instagram geteilt. Zwar mit Quellenangabe – aber wie diese Feststellungen zustande gekommen sind, habe ich damals nicht geprüft. Damit habe ich zur Verbreitung von Misinformation beigetragen.

Weshalb „Misinformation“ und nicht „Fake News“?

In diesem Artikel geht es um falsche Fakten und Behauptungen. Trotzdem verwende ich den Begriff „Fake News“ nicht. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen ist es ein schwammiger Begriff. Die Verwendung ist aber auch problematisch, weil „Fake News“ gerne als Kampfbegriff von Populist*innen verwendet wird. In den letzten Jahren haben sich Menschen wie Trump den Begriff „Fake News“ angeeignet und ihn irreführend verwendet, um unangenehme Berichterstattung einfach abzutun. Der Begriff wird so zur Delegitimierung seriöser Medien verwendet, was nicht unbedingt förderlich für unsere Demokratie ist. Ein Bericht der Europäischen Union zu „Fake News“ und Online-Desinformation schlägt vor, den Begriff aus unserem Wortschatz zu streichen.

Ich verwende stattdessen die Begriffe „Misinformation“ und „Desinformation“. Bei beiden handelt es sich um Informationen, die nicht wahr sind; diese Informationen werden entweder absichtlich (Desinformation) oder unabsichtlich (Misinformation) verbreitet. Misinformation bezeichnet also die unwissentliche Verbreitung fehlerhafter Informationen, die aber nicht mit der Absicht erzeugt wurden, Schaden zu verursachen.

Das Problem: Halbwahrheiten, veraltete Daten und kontextlose Statistiken

Leider handelt es sich bei diesen Aussagen um veraltete Informationen, Halbwahrheiten oder Statistiken, denen es an Kontext mangelt. Zu diesem Ergebnis kam ein Bericht im Auftrag der Transformers Foundation (2021), der sich um die Verbreitung von Misinformationen zum Baumwollanbau auf Social Media drehte. Die meisten gängigen Behauptungen über die Baumwollindustrie sind laut Transformers Foundation ungenau oder irreführend. Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Vanessa Friedman, Fashion Director und Chefmodekritikerin der New York Times: In einem Artikel aus dem Jahr 2018 versuchte sie, den Ursprung der Behauptung, dass die Modeindustrie die zweitschmutzigste Industrie der Welt sei, zu finden. Sie fand keinen:

„To trace the claim back to its origin is to play a game of telephone, hopping from link to link to quotation and never arriving.“

Vanessa Friedman

Zu Deutsch: Die Behauptung bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen, ist wie ein Spiel, bei dem man von Link zu Link zu Zitat springt und nie ankommt. Auch Medina Imsirovic ist dieser Behauptung für das deutschsprachige Online-Magazin „Fashion Changers“ nachgegangen. Sie wirft in ihrem Beitrag die Frage auf, was genau wir meinen, wenn wir sagen, die Modebranche sei die zweitschmutzigste Industrie der Welt: Schadstoffbelastungen, Ressourcenverbrauch, Emissionen, oder eine Kombination aus mehreren Faktoren? Das Wort „schmutzig“ lässt hier leider keinen Rückschluss zu, und so bleibt es schwierig, diese Behauptung einem Fakten-Check zu unterziehen.

Neben mangelnder Quellentransparenz spielen auch starke Vereinfachungen eine Rolle in der Verbreitung falscher Informationen rund um Mode. Oft werden komplexe Zusammenhänge in einen einzigen, möglichst schockierenden Satz verwandelt, der für Instagram dann hübsch aufbereitet wird, um möglichst viel Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema zu erregen. Doch dabei gehen oft wichtige Informationen verloren.

Ein Beispiel für so eine Vereinfachung sind Rechnungen, die den Verbrauch von Wasser in der Modeindustrie in Badewannen oder Trinkwasser umwandeln. Doch Wasser wird bei der Herstellung von Kleidung nicht in diesem Sinne verbraucht, sondern eher geliehen, erklärt Simon Ferrigno gegenüber der Tranformers Foundation. Die zentrale Frage lautet: Ist das Wasser, das aus dem System wieder rauskommt, sauber und noch für andere Zwecke verfügbar? Pauschalisierende Aussagen darüber, wie nachhaltig ein bestimmter Stoff oder ein bestimmtes Material sind, sollten wir deshalb mit Vorsicht genießen. Faktoren wie der Produktionsstandort können dabei eine wichtige Rolle spielen: Franziska Uhl macht in verschiedenen Artikeln für die Fashion Changers beispielsweise auf die Rolle von Wasserschutzgesetzen und Abwasseraufbereitung in der Produktion von Textilien aufmerksam.

Ein weiteres Problem in der Darstellung der „Baumwoll-Problematik“ auf Social Media sind veraltete Daten. Zahlen, die für 2012 erhoben wurden, müssen 2022 nicht mehr stimmen. Anders gesagt: Wenn immer wieder aus derselben Greenpeace-Broschüre von 2015 zitiert wird, dann werden die Aussagen nicht wahrer, sondern nur älter. Natürlich sind Info-Posts nicht mehr ganz so catchy, wenn ich immer die Quelle und das Jahr dazuschreibe. Aber zumindest kann ich und können meine Leser*innen die Zahlen dann einordnen.

Ein Beispiel für eine veraltete Statistik, die immer noch im Umlauf ist, ist die Aussage, dass 25% aller Insektizide und 18% aller Pestizide weltweit im Baumwollanbau eingesetzt würden. Doch einem Bericht des Pesticide Action Network aus dem Jahr 2018 zufolge verbraucht Baumwolle nur 16% der Insektizide und 6% der weltweiten Pestizide. Und laut einer Untersuchung des International Cotton Advisory Committee (ICAC) waren es im Jahr 2019 sogar nur 10,24% der Insektizide und 4,71% der weltweiten Pestizide. Vermutlich sind es in dem Moment, in dem ich den Artikel verfasse, also noch weniger. Nun wäre noch zu prüfen, ob das nur durch einen Rückgang im Einsatz von Insektiziden und Pestiziden zu erklären ist, wodurch dieser zustande kam und ob das andere negative Effekte hat, oder ob eine Erklärung auch die Zunahme von Pestiziden und Insektiziden in anderen Sektoren sein könnte.

Prinzipiell ist das jedoch eine gute Nachricht – auch wenn sie uns nicht unbedingt in unseren Vorurteilen gegenüber der Modeindustrie bestätigt. Warum ich das schreibe? Weil es natürlich schön ist, eine Schuldige zu haben – und ich glaube, dass auch das in vielen Fällen zur Verbreitung falscher Fakten beiträgt. Gerade, wenn wir gegen Verschwendung, schnellen Konsum oder unverantwortliche Produktion eintreten, ist es verlockend, unsere Anklage noch eben schnell mit Zahlen zu untermauern oder Fakten herauszusuchen, die uns in unseren Forderungen vermeintlich bestätigen.

Ähnliche Bedenken teilen Wissenschaftlerinnen in einem Artikel über grüne Blogger*innen: Bei der Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen durch Blogger*innen befürchten sie unter anderem das Auftreten eines Confirmation Bias (Bestätigungs-Fehler) und mangelnde Transparenz. Der Begriff „Confirmation Bias“ bezeichnet die Neigung, Informationen so auszuwählen oder zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen. Dass wir nach Fakten suchen, die uns in unseren Ansichten bestätigen, hat vielleicht auch etwas mit der Professionalisierung des Berufs „Influencer*in“ zu tun. Dem Job mangelt es bisher an Legitimität und klaren Richtlinien, an denen sich eine professionelle Arbeit orientieren kann. Doch statt Rosinen-Pickerei mit Quellen zu betreiben, um uns einen seriösen Anstrich zu verpassen, könnten wir auch gezielt etwas gegen Misinformation unternehmen. Was, das habe ich im letzten Teil des Artikels zusammengetragen.

Die Lösung? Was wir gegen Misinformation in der Fashion Revolution Week tun können

Als Leser*innen:

  • Traut euch, nach Quellen zu fragen, falls keine angegeben sind.
  • Schaut auf verlinkten Websites oder in Studien nach, in welchem Kontext die Informationen, die geteilt wurden, stehen und wie die Daten erhoben wurden (Strg + F ist mein bester Freund!).
  • Teilt keine schockierenden Infografiken oder Posts, wenn nicht klar zu erkennen ist, wo die Daten herkommen.

Als Creator*innen:

  • Gebt in euren Beiträgen Quellen sowie das Jahr, aus dem die Daten stammen, an. Versucht, wo möglich, Primärquellen (also „das Original“) zu verwenden.
  • Macht deutlich, wenn Informationen widersprüchlich sind oder veraltet sein könnten.
  • Versteht, dass Zahlen nicht objektiv sind. Fragt euch, wie sie zustande gekommen sind und weshalb das so sein könnte. Fragt euch auch, was bei der Berechnung fehlen könnte.
  • Bye bye, Quellen-Recycling: Sucht regelmäßig nach neuen Berichten oder Studien.
  • Schluss mit der Rosinen-Pickerei: Sucht euch nicht nur gezielt diejenigen Fakten raus, die eure Sichtweise bestätigen.
  • Nicht vereinfachen: Entfernt nicht den Kontext, der wichtig ist, um Daten oder Zusammenhänge zu verstehen. Wenn nötigt, verwendet dafür eine Plattform, die euch mehr Platz bietet als Instagram oder Twitter.
  • Vermeidet Schwarz-Weiß-Denken. Stellt „die Modeindustrie“ oder „den Baumwollanbau“ nicht per se als böse dar, sondern versucht, Storys zu erzählen, die das komplexe Thema verständlich machen.
  • Vermeidet Vergleiche von Sachverhalten, die nicht vergleichbar sind – auch, wenn manche Zahlen zu groß für unsere Vorstellungskraft sind. Vielleicht hilft ein Foto oder eine Grafik an der Stelle weiter.
  • Korrigiert Fehler. Damit zeigt ihr nicht nur, dass ihr es nun besser wisst, sondern trägt auch dazu bei, diese wichtige Praxis zu etablieren.

Habt ihr weitere Tipps? Und wo seht ihr die Verantwortung von Plattformen wie Instagram bei all dem? Schreibt es gerne in die Kommentare!

Quellen

Chandler, D., & Munday, R. (2016). Misinformation. In A Dictionary of Media & Communication. Oxford University Press. https://www.oxfordreference.com/view/10.1093/acref/9780191800986.001.0001/acref-9780191800986-e-1748

European Commission, & Directorate-General for Communication Networks, C. and T. (2018). A multi-dimensional approach to disinformation: Report of the independent high level group on fake news and online disinformation.https://data.europa.eu/doi/10.2759/739290

Friedman, V. (2018, Dezember 18). The Biggest Fake News in Fashion. The New York Times. https://www.nytimes.com/2018/12/18/fashion/fashion-second-biggest-polluter-fake-news.html

Imsirovic, M. (2021, Mai 11). Fashion-Mythen: Ist die Modebranche die zweitschmutzigste Industrie der Welt? Fashion Changers. https://fashionchangers.de/fashion-mythen-ist-die-modebranche-die-zweitschmutzigste-industrie-der-welt/

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Kalsnes, B. (2018, September 26). Fake News. Oxford Research Encyclopedia of Communication. https://doi.org/10.1093/acrefore/9780190228613.013.809

Möller, J., Hameleers, M., & Ferreau, F. (2020). Typen von Desinformation und Misinformation: Verschiedene Formen von Desinformation und ihre Verbreitung aus kommunikationswissenschaftlicher und rechtswissenschaftlicher Perspektive. die medienanstalten. https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/die_medienanstalten/Publikationen/Weitere_Veroeffentlichungen/GVK_Gutachten_final_WEB_bf.pdf

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